Die Anfänge der Andreasgemeinde

Wie kam es zur Gründung?

Als das Dorf Bessungen 1888 in die Stadt Darmstadt eingemeindet wurde, gehörten seine ganz überwiegend evangelischen Einwohner zur Petrusgemeinde mit der traditionsreichen Bessunger Kirche. Die Erschließung neuer Baugebiete und das rasche Anwachsen der Bevölkerung führten schon 1902 zur Abtrennung der Paulusgemeinde im Osten und 1935 zur Gründung der Matthäusgemeinde im Westen Bessungens.

Mitte der 50-er Jahre beginnt der Seelsorgebezirk Süd der Petrusgemeinde vor allem jenseits der Landskronstraße zu wachsen. Die Stadtplanung geht zunächst von zusätzlich 3000 Personen aus. Deshalb wird von der Kirchenleitung zum 1.4.1956 eine zusätzliche Pfarrstelle beschlossen. Kirche, Kindergarten und Gemeinderäume sollen errichtet und Zentrum der selbstständigen neuen Gemeinde werden.

Die neuerliche Teilung ist ein schmerzhafter Prozess. Schon nach 2 Jahren – die Gebäude (ohne Kirche) waren erst nach weiteren 5 Jahren fertig – wird die künftige Andreasgemeinde am 1.4.1958 ohne eigenen Namen als „Südgemeinde“ in die Selbständigkeit entlassen.

Zeit der Spannung und Spaltung

Die Kirchenleitung besetzt die ausgeschriebene Stelle mit Pfarrer Ludwig Marx. Er hatte als profiliertes Mitglied der Bekennenden Kirche (BK) und Organisator der Pfarrerbruderschaft in Hessen und Nassau die „Pfarramtsordnung“ der EKHN (auf Anregung von Kirchenpräsident Martin Niemöller) mitgestaltet. Die neue Gemeinde soll also ein deutliches BK-Profil entwickeln, das Pfarrer Marx in einem Brief an die Gemeinde am 29.10.1958 kurz zusammenfasste: „sich aber zu Jesus als dem Heiland und Erlöser zu bekennen, da hört es auf mit irgendwelchen unverbindlichen christlichen Weltanschauungen“.

Der langjährige Bessunger Ortspfarrer Willi Redhardt ist volkstümlich. Als Dichter des Liedes „Mein Bessungen“ ist er bis heute bekannt. Die von vorchristlichen Bräuchen durchsetzte Kerb zieht er in die Kirche und macht sie wieder zur Kirchweih. In den Kerbvorstand gewählt hält er die „Kerberedd“ und lässt die Gemeindejugend beim abendlichen Fackelzug mitmarschieren. Seine Vergangenheit als Mitglied der Deutschen Christen, die im „Dritten Reich“ die NS-Ideologie mit der Kirche zu verbinden suchten, hängt ihm in den 50-er Jahren noch an. Beide Pfarrer sind starke Persönlichkeiten und haben viele und überzeugte Anhänger.

Den Anhängern von Pfarrer Marx ist die Volksnähe verdächtig. Für sie ist es eine Glaubensentscheidung wie in der Kampfzeit der Bekennenden Kirche: Wem diene Ich, Christus oder weltlichen Herren? Sie verbreiten folgendes Gedicht über Pfarrer Redhardt (Auszug): „Die Kirchweih schafft die Herzen neu, das sagt ein Pfarrer ohne Scheu. So einer müßt wo anders hin, vielleicht würd bessern sich sein Sinn.“

Auch Pfarrer Marx hat Heimtücken zu erdulden: Der etwas kleinere Pfarrer, der sein Manko auf der Kanzel mit einem Podest ausgleicht, findet diese Hilfe des öfteren nicht vor, weil sie ein Anhänger der Gegenfraktion entfernt hat.

Zeitzeugen von damals berichten von heftigen Spannungen auch unter den Gemeindemitgliedern: Wenn ein Mitglied des gegnerischen Lagers den Raum betritt, verstummt das Gespräch, er/sie wird als Spion betrachtet. Der Plausch über den Gartenzaun mündet oft in die Frage: Mit welchem Pfarrer hältst Du´s? Und nicht selten kommt es dann auch zum Streit unter den Nachbarn. Die Menschen zählen sich mit nur wenigen Ausnahmen zur Kirche und nehmen so auch Teil an ihren Konflikten. Sie ergreifen Partei oft auch auf Grund persönlicher Sympathien, von Vorlieben und Ängsten.

Vom Jahr 2008 aus sind solche Streitigkeiten kaum zu verstehen; damals aber war es ein Grundkonflikt der Nachkriegsgesellschaft, denn viele waren Parteimitglieder gewesen, haben mitgemacht, während andere Gegner waren, als eine Minderheit an den Rand gedrängt und bedroht. Den beiden Pfarrern aber muss man zubilligen, dass sie für ihre Überzeugungen standen und viele Menschen für sich gewinnen konnten.

Koexistenz der beiden Gemeinden

Ab 1. April 1958 ist die Trennung amtlich. Die Gemeindegrenzen sind fixiert – auch wenn dann doch noch kleine Änderungen nötig sind: Grenze ist zunächst die Mitte der Sandbergstraße, die Mitte der Prälat-Diehl-Straße, die Ludwigshöhstraße bis zu den Kasernen und der Donnersbergring. Das waren 2.500 Seelen. Mit der Einbeziehung eines kleinen Teils der Paulusgemeinde (Prälat-Diehl-Straße bis Martinspfad, im Norden begrenzt durch die Herrngartenstraße), nimmt die Zahl der Gemeinedemitglieder 1963 auf über 4.000 zu.

Die „Evangelisch-Lutherische Andreasgemeinde“ erhält ihren Namen nach dem Brüderpaar Andreas und Petrus. Pfarrer Marx teilt dies am 29.10.1958 in einem Brief an die Gemeinde mit und stützt sich dabei auf Joh. 1,40-42: „Andreas spricht ‚Wir haben den Messias gefunden‘ und führt seinen Bruder zu Jesus.“

Die brüderliche Verbundenheit mit der Ursprungsgemeinde soll damit ausgedrückt werden. Brüderliche Hilfe ist nötig und löst das dringende Raumproblem. Weil der Kindergarten der Petrusgemeinde gerade das neue (heutige) Gebäude bezogen hat, kann die Andreasgemeinde das jetzt leerstehende Haus Bessungerstr. 80 als Gemeindehaus nutzen.

Es bleibt aber auch die geschwisterliche Konkurrenz: Die zunächst gemeinsamen 10-Uhr Gottesdienste werden ab dem 1.10.1958 aufgegeben: Eine zweite Gottesdienstzeit (im Winter um 17 Uhr, im Sommer um 8.30 Uhr) gibt jeder Gemeinde Raum für ihren eigenen Sonntagsgottesdienst in der Bessunger Kirche. Auch Gemeindebüro (für die Andreasgemeinde in der Brüder-Knaus-Straße 39) und das Gemeindepersonal werden getrennt. Der Kindergarten aber wird von beide Gemeinden gemeinsam getragen. Für Pfarrer Marx und für viele Gemeindemitglieder sind diese ersten Jahre die „schönste Zeit, weil alle haben zusammenrücken und zusammenhalten müssen“.

Aufbruch mit eigenem Zentrum

Ab 1960 wird das neue Gemeindezentrum am unteren Ende der Paul-Wagner-Straße geplant mit Kirche, Kindergarten, Gemeinderäumen, Gemeindesaal, Pfarrhaus und dem Wohnhaus für Küster, Gemeindeschwester und Kindergärtnerin. Das Pfarrhaus kann Anfang Dezember 1962 bezogen werden. Das Gemeindehaus wird am 28. April 1963 eingeweiht mit einer Festpredigt von Kirchenpräsident Martin Niemöller. In der Festschrift bemerkt der damalige Dekan Stühlinger: „… in wenigen Jahren wird es notwendig sein, dass auch die Andreasgemeinde eine eigene Kirche bekommt. Gott wolle es geben!“ (Dieses und die weiteren Zitate dieses Abschnitts stammen aus der „Festschrift zur Einweihung des ersten Bauabschnitts unseres Gemeindezentrums“).

Alle Gebäude werden gebaut, die Kirche nicht, obwohl der Kirchenvorstand schreibt: „In den Gesprächen mit verschiedenen Dienststellen der Stadt wurde uns immer wieder gesagt, dass unsere Andreasgemeinde, die jetzt etwas mehr denn 4.000 Seelen umfasst – begonnen haben wir mit 2.500 Seelen – , einmal 8.000 bis 10.000 Seelen umfassen wird. Wir haben also noch auf lange Zeit mit einem steten Anwachsen der Gemeinde zu rechnen.“

Der Kirchenvorstand läßt aber durchblicken, dass diese Aufbruchstimmung in eine Hoffnungsvolle Zukunft doch auch mit Heimweh nach der alten Kirche und „Alt-Bessungen“ verbunden ist. Nicht alle akzeptieren die neue Gemeinde: „für viele ‚Alte Besunger‘ bedeutet dies nun eine nicht leichte Entscheidung. Sie sind so sehr mit der alten Bessunger Kirche verwachsen, dass der Abschied von ihr ihnen sehr schwer fällt. Das verstehen wir sehr gut, und wir achten diese Bindung keinesfalls gering. Aber wenn wir nun auch von ‚unserer Bessunger Kirche‘ Abschied nehmen, so bleiben wir doch unserer Muttergemeinde, der Petrusgemeinde verbunden. Hinzu kommt, dass wir gerade die ‚Alten Bessunger‘ in unserer jungen Gemeinde dringend brauchen. Sie müssen der Gemeindeteil sein, um den sich alle neu Hinzukommenden sammeln können.“

Die großen Zahlen haben sich verflüchtigt. Nach fast 50 Jahren erinnert die Glocke an die Erwartungen, die damals der Architekt des Gemeindezentrums, Alfred Nöll, formulierte: „Im Innenhof wurde ein einfacher Glockenpfeiler errichtet. Er wird die älteste Glocke Darmstadts aus dem Jahre 1435 aufnehmen. Sie stand seither im Brautgang der Bessunger Kirche und wird bis zum Bau der Andreaskirche zum Gottesdienst in ihr neues Gemeindehaus rufen.“

Obwohl die Kirche dann doch nicht gebaut wurde, war Pfarrer Marx auch weiterhin Bauherr: 1967 wurde das Haus für Mitarbeitende (Heidelberger Straße 146 A) eingeweiht. Und schließlich konnte am 1. September 1969 die Kindertagesstätte mit 4 Gruppen und 80 Kindern bezogen werden.

Statt Kirche:
einer der schönsten Kirchsäle Darmstadts

Durch Umgestaltung des Gemeinderaums bekam die Gemeinde im Mai 1990 statt einer Kirche einen der schönsten Säle Darmstadts:

Altar und Kanzel wurden von der erhöhten Bühne geholt. „Da alle Christen gleich sind“, versammeln sich alle am Gottesdienst beteiligten Menschen auf einer Ebene. Farbige Holzplatten verdecken die Bühne und zieren die Rückwand. Bettina Schimkat, die Architektin der Umgestaltung, nahm die 4 Kirchenjahresfarben als Gestaltungsprinzip: Violett und rot sind Holzplatten und Ziegelsteinwand, weiß die „Raffvorhänge“ und grün schließlich die durch die Glasscheiben sichtbaren Bäume im Innenhof.

Mit der schon 1964 eingeweihten, auch musikalisch hochwertigen Orgel bietet der Saal einen längst akzeptierten und gewohnten Rahmen für schöne Gottesdienste und Gemeindefeiern. Und die historische Glocke, von Hand geläutet, trägt zum vertrauten und doch besonderen Gesamteindruck bei.

Andreasgemeinde in den ersten Jahren

Das Gemeindeleben wird getragen von den vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

In der Festschrift von 1963 wird über die ersten Jahre berichtet. Regelmäßige Veranstaltungen prägen das Gemeindeleben: Abende der Begegnung, Bibelstunde, Frauenhilfe und Frauenabend (Frau E.Troß), Nachmittagskreis der älteren Frauen (Frau I.Nöll), ein Nähkreis (Frau Haack) und einen Jungmütterkreis (Fräulein Girolstein). „Notvoll“ muss über die Männerarbeit berichtet werden, sie läuft nicht zufrieden stellend. Für die Jugend gibt es altersspezifische Gruppen und „Offene Abende der Jugend“ zum Spielen und Tanzen.

Zur Gemeinde gehören auch eine Schwesternstation mit Schwester Cläre Kaudse und die Gemeindehelferin Fräulein Girolstein, die für Kindergottesdienst, Jugendgruppen, Diakonieausschuss und die Betreuung (mit Päckchen) der Brüder und Schwestern hinter dem „eisernen Vorhang“ zuständig ist. Wichtig sind auch der jährliche Ausflug (Herr Wagner) und der Basar (Frau Schmunk).

Autoren:
Friedrich Haug (Originalfassung), überarbeitet für die Festschrift zum 50. Jubiläum der Andreasgemeinde
Heiko Schock (Aktuelle Bearbeitung)

Bauaushub

Baustelle

Bau-Eingangshalle

Baustelle

Richtfest 1962

Richtfest 1962

Alter Kindergarten und Gemeindehaus

A-Gebäude 1963

1.Basar 1963

   

 

Nachtrag

Bekennende Kirche

Die Bekennende Kirche (BK) ist seit 1934 die Bewegung innerhalb der Protestant. Kirche, die dem Machtanspruch der NSDAP und der Deutschen Christen entgegentrat. Hervorgegangen ist die BK aus dem von Martin Niemöller in Dahlem 1933 gegründeten Pfarrernotbund. Weitere bekannte Theologen waren u.A. Dietrich Bonhoeffer und Karl Barth. Die BK wandte sich insbesondere gegen den Arierparagraphen im Raume der Kirche, die Abschaffung des Alten Testamentes und die Ideologisierung der christlichen Botschaft. Der Notstand der Kirche wurde erklärt, ein Notkirchenregiment begründet und den „Bruderräten“ die wichtigsten Aufgaben der Kirchenleitung übertragen. Amtsenthebungen von Pfarrern und Theologieprofessoren, Verfolgung und Inhaftnahme, Zeitschriften- und Bücherverbot u. a. waren die Folge. Nach 1945 wirkte die BK führend bei der Neuordnung der Evangelischen Kirche mit. (vgl. Ev. Kirchenlexikon, Göttingen 1986, Bd.1, S.407f.)

Deutsche Christen

Die Deutschen Christen (DC) waren unter unmittelbarem Einfluß der NSDAP seit 1932 in Preußen entstanden. Ihr Ziel war die Machtübernahme innerhalb der Kirche. 1933 strömten ihr die Masse der Pfarrer und des Kirchenvolkes zu. Sie wollten ein „artgemäßes, positives Christentum“ im Sinne des Programms der NSDAP. Sie sahen in Jesus den arischen Helden und forderten den Arierparagraphen für Kirche und Pfarrerschaft, einige ihrer Theologen sogar die Abschaffung des Alten Testaments. Die völlige Übernahme der Landeskirchen misslang – auch durch den Widerstand der Bekennenden Kirche. Die NSDAP distanzierte sich zunehmend vom Christentums insgesamt. Die DC verloren an politischem Einfluss, blieben aber innerkirchlich in vielen Landeskirchen bestimmend. (vgl. Ev. Kirchenlexikon, Göttingen 1986, Bd.1, S.856f. und Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Bd. 2 Tübingen 1999. S.698ff.)