Einführung Notfallseelsorger

Menschen wie Engel:
Sieben Mitarbeitende der Notfallseelsorge in ihren Dienst eingeführt

Für viele Menschen sind sie wie Engel: Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger kommen in unvorhergesehene Krisensituationen hinein, sind da für Menschen, die leiden, hören zu, helfen mit, ein bisschen Ordnung ins Chaos zu bringen. Wie der Engel Raphael im Alten Testament räumen sie nicht gleich alle Probleme aus dem Weg, holen aber Menschen aus ihrer Erstarrung heraus, ermächtigen Menschen, wieder handeln zu können. So beschrieb es Pfarrer Dr. Christoph Klock in seiner Predigt zur Einführung der neuen Mitarbeitenden in der Notfallseelsorge Darmstadt.

Fünf Frauen und zwei Männer aus Darmstadt und dem Landkreis Darmstadt-Dieburg sind in ihren Dienst eingeführt worden. Dekanin Ulrike Schmidt-Hesse und Pfarrer Dr. Christoph Klock, stellvertretender katholischer Dekan, nahmen die Beauftragungen vor, überreichten die Urkunden und sprachen den Ehrenamtlichen den Segen für ihren Dienst zu. Die Pfarrerin der gastgebenden Evangelischen Andreasgemeinde, Karin Böhmer, leitete die Liturgie. In ihren Dienst eingeführt wurden: Susanne Zimmermann (Modau), Veronika Heineken (Darmstadt), Iris Fairley (Griesheim), Detlef Winterstein (Weiterstadt), Annette Rehor (Darmstadt), Marcel Sommer (Weiterstadt) und Natascha Fachinger (Weiterstadt).

„Menschen, die wie Engel erscheinen“, nannte Pfarrer Dr. Christoph Klock die Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger in seiner Predigt, „sie kommen unvermutet, für eine kurze Zeit in eine entscheidende, wichtige Lebenssituation.“ Genauso wie die Menschen, die unverhofft in eine Krise geraten sind, kommen die Mitarbeitenden in der Notfallseelsorge in unbekannte Situationen, die sie sich nicht aussuchen können, so Klock. Sie hätten in ihrer Ausbildung gelernt, mit extremen Situationen umzugehen. „Die Wirklichkeit ist aber immer eine andere“, so der Pfarrer von St. Ludwig.

Menschen, zu denen sie kommen, sollen spüren, dass sie als „Mitfühlende da sind, als Menschen, so wie sie sind“. Dazu gehöre auch, offen zu sein für Momente des Schweigens, denn „Leid macht auch stumm“. Mit Feingefühl mögen sie Menschen in Notsituationen helfen, wieder eigene Schritte zu gehen, Lähmung zu überwinden. Unaufdringliche, liebevolle Präsenz zeichne die Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger aus, auch wenn sie nicht auf alles eine Antwort haben, so Klock. Ihr eigenes Grundvertrauen könnten sie die Menschen, zu denen sie kommen, spüren lassen.

Dekanin Ulrike Schmidt-Hesse fragte die Einzuführenden, ob sie sich von der christlichen Botschaft leiten und tragen lassen, die Schweigepflicht wahren und untereinander und mit anderen Vertretern der Rettungskette vertrauensvoll zusammenarbeiten wollen, was diese mit „Ja, mit Gottes Hilfe“ beantworteten. Gemeinsam mit Pfarrer Dr. Christoph Klock segnete sie die fünf Frauen und zwei Männer. Sie dankte den Eingeführten, dass sie ihre Kompetenzen und Erfahrungen in diesen „wichtigen und anspruchsvollen Dienst“ einbringen. Sie dankte auch allen anderen anwesenden Mitarbeitenden in der Notfallseelsorge sowie Jens Rönnfeldt, dem stellvertretenden Leiter der Berufsfeuerwehr Darmstadt, für die gute Zusammenarbeit in der Rettungskette.

Pfarrer Heiko Ruff-Kapraun, der die ökumenische Notfallseelsorge gemeinsam mit der katholischen Gemeindereferentin Susanne Fitz vom Bistum Mainz leitet, freut sich über die neuen Mitarbeitenden. Insgesamt gibt es nun 47 ehrenamtliche Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger in Darmstadt und Umgebung. „Menschen, die diesen Auftrag annehmen und sich ausbilden lassen, sind für mich Bestätigung und Rückenwind in der gemeinsamen Aufgabe“, so Ruff-Kapraun. „Nur in einem Team können wir den Anspruch, jeder Situation und den Personen gerecht zu werden, einlösen“, sagt Ruff-Kapraun. Routine sei da oft nicht gefragt.

Susanne Fitz hat die Praktikumsphase der Auszubildenden in den vergangenen Monaten begleitet. Auch stand das Leitungsteam hilfreich bei den ersten Einsätzen zur Seite. Nach der Qualifikation, die etwa 70 Stunden umfasst, formuliert eine Teilnehmerin: „Ich möchte Menschen, die plötzlich in eine Notsituation geraten sind, stärken und unterstützen“. Es sei bei dem Dienst sinnvoll, Mitmenschlichkeit zu üben und bereit zu sein, für andere da zu sein.

„Alle Leut“ in Wiesbaden auf der Demo

Demonstration gegen Abschiebungen nach Afghanistan in Wiesbaden

Am Samstag, den 11. Februar, war der Willkommenstreff der Andreasgemeinde unterwegs. Weil vor allem afghanische Mütter mit ihren Kindern teilnehmen und weil einige von ihnen schon an ähnlichen Aktionen teilgenommen hatten, griffen wir die Anregung des Diakonischen Werkes (DW) auf und organisierten einen Bus, der uns zur Demonstration in Wiesbaden brachte. Unter dem Motto „Abschiebestopp nach Afghanistan! Bleiberecht jetzt“ hatte das „Afghan Refugee Movement“ und der Hessische Flüchtlingsrat zum Protest gegen die gegenwärtige Praxis der Bundesregierung und der hessischen Landesregierung aufgerufen.

Der Bus war voll: 27 afghanische Väter, Mütter, und Kinder, dazu 13 Ehrenamtliche. Da DW und Ev. Dekanat sich an der Finanzierung des Busses beteiligten, konnten wir den Fahrpreis erschwinglich gestalten.

In Wiesbaden sprachen bei der Auftaktkundgebung am Hauptbahnhof Vertreterinnen der Trägerorganisationen. Die Argumente waren klar: Afghanistan ist kein sicheres Herkunftsland. Das UNHCR (Flüchtlingshilfe der UNO) widerspricht der Einschätzung der Bundesregierung. Einige Bundesländer haben deshalb die Abschiebung nach Afghanistan gestoppt, z.B. Schleswig-Holstein, Hessen nicht.

Der Demonstrationszug ging dann über die Bahnhofstrasse. Unterwegs riefen die Demonstranten Parolen wie „Keine Abschiebung nach Afghanistan“ oder „Hopp ,hopp, Abschiebung stopp“. „Unsere“ Mütter und Väter machten dabei kräftig mit. Geschart um das große Plakat, das Manfred Weschke gestaltet hatte, kamen wir am Luisenplatz (den gibt es auch in Wiesbaden) an. Dort gab es noch einige Reden. Weil es für die Kinder so besser war und weil wir den Bus auch nur bis 16 Uhr gebucht hatten, verließen wir den Demonstrationszug und gingen zum Hauptbahnhof zurück. Auf der Rückfahrt dankte Andrea Bauer allen Teilnehmenden und sprach die Hoffnung aus, dass das gemeinsame Anliegen gehört und verstanden worden ist, denn ‚wir alle wollen und fordern, dass die Menschen aus Afghanistan in Deutschland bleiben können.‘

Zum Abschluss sangen dann alle das Schlusslied des Willkommenstreffs: „Alle Leut‘, alle Leut‘ gehn jetzt nach Haus“ (deshalb nennen die Kinder dieses Angebot der Andreasgemeinde „Alle Leut“).

Text und Bilder: Frieder Haug

 

Ausbildungskurs Telefonseelsorge

Die Telefonseelsorge startet einen neuen Ausbildungskurs Im März 2017

Die Telefonseelsorge in Darmstadt bietet seit über 40 Jahren Menschen in Krisensituationen rund um die Uhr die Möglichkeit zu einem anonymen und vertraulichen Gespräch unter den kostenlosen Nummern 08001110111 und 08001110222. Die Beratungsarbeit am Telefon leisten ehrenamtliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die mit einer qualifizierten Ausbildung für diese Tätigkeit geschult wurden.

Wir wollen unser Team erweitern und starten eine neue Ausbildungsgruppe im März 2017. Dieser Kurs umfasst 150 Stunden und findet abends und an Samstagen statt, so dass Berufstätige und Studierende teilnehmen können. Die Leitung haben Diplompsychologin Christiane Rieth und Pastoralreferent Ralf Scholl. Ein Informationsabend dazu findet am Dienstag, 24.1.2017 um 19 Uhr im ökumenischen Gemeindezentrum Kranichstein , Bartningstr. 40, in Darmstadt statt.

Wir bieten:
eine Schulung in Kommunikation und Gesprächsführung, Einblicke in Beratungstechniken, ein spannendes Team von 80 Ehrenamtlichen sowie im Anschluss an die Ausbildung Supervision und Fortbildung – und nicht zuletzt eine anspruchsvolle, sinnstiftende Tätigkeit.

Wir erwarten:
Bereitschaft zur Arbeit an der eigenen Person, Lust auf Arbeit in der Gruppe sowie zwei Jahre ehrenamtliche Mitarbeit am Telefon im Umfang von 12-15 Stunden pro Monat.

Wenn Sie Interesse haben, nehmen Sie jetzt mit uns Kontakt auf über oder unter 06151-43143. Ausführliche Informationen finden Sie auch unter www.telefonseelsorge-darmstadt.de.

Christiane Rieth Ralf Scholl
Telefonseelsorge Darmstadt e.V.
Postfach 11 14 08
64229 Darmstadt

www.telefonseelsorge-darmstadt.de

NIKOLAUS auf LINCOLN

Der Nikolaus kommt auf die Lincoln-Siedlung! So stand es im Gemeindebrief der Andreasgemeinde -zu dem dieses Kirchngebiet gehört- und auf den Plakaten und Briefkästen in allen Häusern. Eine Einladung an alle auf Lincoln wohnen Eltern mit ihren Kindern zum Nikolaus in den Pavillon auf Lincoln zu kommen. Uns sie kamen! Von den beiden Quartiermanagerinnen Petra Elmer und Ingrid Erdmann sowie von Pfarrerin Karin Böhmer herzlich begrüßt und zum Verweilen eingeladen beim Sternebasteln, Lebkuchenessen und Malen und alles was Kinderherzen höher schlagen lässt. Mit dabei sind auch von der Andreasgemeinde, der Vorsitzende des Kirchenvorstands Karlheinz Friedrich und der KV-Beauftragte für DRiN und Lincoln Herbert Gunkel und die Konfirmanden.

Preisübergabe für Kinder und Jugendarbeit

Nicht nur der Nikolaus beschenkt die Kinder, auch die Andreasgemeinde wurde beschenkt. Man hatte sich auf einen Preis beworben, der von der Kinder- und Jugendstiftung der Evangelischen Jugend der EKHN ausgeschrieben war und wurde ausgewählt für die inklusive, interkulturelle und interreligiöse Art, wie die Andreasgemeinde in das neue Quartier Lincoln hineingeht, dabei ist und Nachbarschaft lebt um gemeinsam Räume zu entdecken und das Quartier weiter zu entwickeln. [Wie die Aktivitäten der Nachbarschaftsrunde und bspw. das Begegnungsfest ‚Sommer auf Lincoln‘ unlängst bewiesen haben.].
So ist vom Kuratorium der Landesjugendpfarrer Gernot Bacht Leucht gekommen um den Preis über tausend Euro mit Urkunde an die Pfarrerin und den KV-Vorsitzenden zu überreichen.

Im Pavillon, alles festlich geschmückt, der Bauverein hat einen Weihnachtsbaum spendiert und es riecht nach adventlichen Köstlichkeiten. Etwa vierzig bis fünfzig Kinder, auch Kleinkinder mit ihren Müttern und den größeren Geschwistern sind gekommen und Väter, Eltern; an die dreißig Erwachsene. So haben die Quartiersmanagerinnen und Helfer alle Hände voll zu tun. Zunächst werden Lieder gesungen, ja der Nikolaus herbeigesungen und durch die Fensterscheiben des Pavillons hat man einen Ausblick auf die Baumgruppe vor der Heidelberger Straße. Eine Stimmung wie bei Waldweihnacht!

Der Nikolaus lässt sich zunächst erzählen, was die Kinder von ihm wissen? – Da werden viele Geschichten zum Besten gegeben die dem Bischof von Myra, huetige Türkei zugeschrieben werden. Klar ist, dass er ein kinderliebender Priester und Abt gewesen ist, der sich für die Kinderrechte einsetzte und Süßigkeiten verteilte und auch mit dem Kirchenschatz Gutes tat. Mit dem Lied: nun lasst uns froh und munter sein, geht die Bescheerung voran. Die Konfirmanden helfen, quasi als Wichtel aus, damit alle Kinder in den Genuss der Gaben kommen. Apfel, Schokoladennüsse und St. Nikolaus in Schokolade. Die Kinderaugen strahlen, die Eltern, wo sie auch herkamen finden es schöner, als sie sich das vorgestellt hatten.

Ein wunderbarer Nachmittag im Pavillon, da sich die Kinder und Eltern wohl und aufgehoben fühlten geht nach fast drei Stunden zu Ende. Nicht ohne Verabredungen zur gegenseitigen Kinderbereuung und was sich sonst noch über die Quartiersmanagerinnen organisieren lässt. Danke Andreasgemeinde!

Bericht von Herbert E. Gunkel, Kirchenvorsteher und Beauftragter für DRiN-Projekt und Nachbarschaftsrunde: Willkommen Lincoln

Grußwort von Karin Böhmer

Liebe Leserinnnen und Leser,

Auf der Suche nach dem Weihnachtsstern, den ich in der Advent- und Weihnachtszeit so gerne
ans Fenster hänge, fällt mir ein kleiner Stempel zum Verschönern von Weihnachtspost in die Hände.

Jauchzet

ist darauf zu lesen. Was für ein schönes Wort! Benutzen wir es eigentlich noch im alltäglichen Sprechen, frage ich mich und probiere den Stempel sofort aus. Lese oder höre ich „jauchzen“, denke ich sofort an Kinder, an ausgelassene Freude, an Spiel, Spaß und Begeisterung. Wann war ich das letzte Mal „ganz aus dem Häuschen“ und habe mein Entzücken lauthals zum Ausdruck gebracht? Am ehesten noch beim Tanzen oder Singen.

Jauchzet

Mit Jauchzen und Frohlocken beginnt auch das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. Die Freude, der Jubel über die Geburt Gottes will in die Welt hinaus. Mit Pauken und Trompeten.
„Wohl dem Volk, das jauchzen kann“, so Psalm 89,16 in der Bibel. Wie wahr. Auch bei Bach wird es nach dem Jauchzen erstmal stiller und der Chor stimmt sehnsüchtig die Frage an „Wie soll ich dich empfangen?“.

Jauchzet

Bei mir daheim hängen jetzt hier und da kleine Zettel. Im Bad am Spiegel. Im Büro am PC. Erinnern mich mit einem Wort: Du hast allen Grund, dich zu freuen. Die Liebe ist unterwegs. Sie hat es schwer. Aber sie hört nicht auf um Einlass zu bitten. Bei mir. Bei dir. In der Welt.

Ich wünsche Ihnen und euch eine gesegnete Zeit.

Karin Böhmer

Predigt zum Reformationsjubiläumsjahr

Ansprache im Gottesdienst zum Reformationsfest 2016 = Beginn des Jubiläumsjahres

‚Eine neue Reformation – Leben und Wirken der Theologin Dorothee Sölle‘

Liebe Gemeinde!

Dorothee Sölle – wer war diese Frau und was können ihre Gedanken und Worte zu einer Reformation, zu einer Erneuerung der Kirche beitragen?
Es gibt einiges, was Dorothee Sölle mit dem Reformator von 1517, mit Martin Luther verbindet. Beide waren sehr leidenschaftlich fromme Menschen; beide waren sehr streitbar und dabei auch sehr mutig und unerschrocken. Beide hatten viele Anhänger und viele Feinde, wurden umjubelt, geliebt und bekämpft.
Beiden war die Sprache, vor allem die religiöse und die kirchliche Sprache, die sprachliche Verständlichmachung dessen, was die Bibel sagt, ein Herzensanliegen. Für Dorothee Sölle waren Theologie und Poesie, Literatur sich gegenseitig beflügelnde Freundinnen. D. Sölle hat selbst viele Gedichte geschrieben. In einem Gedicht über ihren Sohn Jakob benennt sie Martin Luther und verwendet ein bildhaftes Wort von ihm: Gott sei ein ’Backofen voll Liebe‘.
ist das nicht ein wunderschöner Ausdruck: Gott – ein ‚Backofen voll Liebe‘? Ein Ausdruck, der gut die 500 Jahre überleben konnte und noch heute verständlich ist.
Also: Dorothee Sölle, 1929 in Köln geboren, war Ev. Theologin und Schriftstellerin. Sie hat sich in Theologie habilitiert, bekam aber in Deutschland keinen Lehrstuhl, obwohl ihre Bücher sehr gelesen wurden, in viele Sprachen übersetzt wurden und ihre Vorträge die Kirchen und andere Räume immer überfüllt sein ließen. In den USA bekam sie einen Lehrstuhl für Theologie; 12 Jahre hat sie in New York gelebt und gelehrt. 1987 kehrte sie von dort zurück und lebte dann als freie Schriftstellerin in Hamburg. Sie hat 3 Kinder und mehrere Enkel, war in 2. Ehe mit dem ursprünglich katholischen, dann konvertierten Theologen Fulbert Steffenski verheiratet. 2003 ist D. Sölle auf einer Tagung, bei der sie Referentin war, 73jährig an einem Herzinfarkt gestorben.

Sprache – das soll nach dieser kleinen Einführung das 1. Thema sein; dann folgen Gedanken zu Glaube und Politik, nach einer kleinen musikalischen Pause sollen uns noch die Themen Sonntagsschutz und Sehnsucht beschäftigen. Ich denke, dass sind 4 Themen, die in unserer Zeit, 500 Jahre nach Luthers Thesenanschlag und 13 Jahre nach Sölles Tod, sehr aktuell sind und die in unseren Kirchen das Feuer und die Leidenschaft des reformatorischen Geistes wachhalten können.

Sprache – ich zitiere D. Sölle:

‚Unsere Sprache empfinde ich (oft) als zerstört, ja als korrumpiert. Wenn ein Wort wie ‚Liebe‘ aufs Auto oder ein Wort wie Reinheit aufs Waschmittel angewandt wird, dann haben diese Wörter überhaupt keine Sinn mehr. Solche Wörter sind bei uns beschädigt. Das gilt erst recht für die religiöse Sprache. ‚Jesus Christus ist unser Erlöser‘ das ist zerstörte, tote Sprache. Das versteht kein Mensch, es ist religiöses Geschwätz….
Ich will ein Gegenbeispiel erzählen. Meine Enkelin Johanna, 5 Jahre alt, kam aus dem Kindergarten und sagte. Mit dem Jesus, das war ganz schlimm, den haben sie totgemacht, mit Nägeln durch die Hand. Aber dann, da war Ostern, da ist der – hihi – wieder aufgestanden.
Für dieses fröhliche geprustete ‚hihi‘ kann ich einige Meter theologischer Literatur weggeben.

Dann schreibt D. Sölle weiter, dass sie sich für leeres Geschwätz in der Kirche, für ‚gequasselte, tote Sprache‘ schämt. Und dass sie immer auf der Suche bleibt nach lebendiger Sprache. Und die findet sie vor allem in biblischer Sprache, in deren lebendigem Ausdruck, und sie sagt:

Vor allem ohne die Psalmen möchte ich nicht leben. Und ohne den eigenen Psalm zu finden und wenn er auch nur so kurz ist, wie Johannas ‚hihi‘ erst recht nicht.
Es ist wichtig, dass Menschen sich ihre eigenen Schmerzen klarmachen und ihre je eigenen Fragen in größerer Tiefe artikulieren.

D. Sölle konnte viele Psalmen und Gedichte auswendig, die sie auch gerne vortrug bzw. mit anderen gesungen hat. Sie hat in Sprache gelebt – in geprägter, kunstvoll formulierter, und sie hat mit der Sprache gerungen, hat Formulierungen Sprachbilder gesucht und gefunden, die Menschen ins Herz trafen, die Phantasie anregten und in Bewegung setzen.

Glaube und politisches Engagement

Ganz anders als bei Luther, der das in seiner Zwei-Reiche-Lehre getrennt hat, gehören für D. Sölle Glaube, Frömmigkeit, Religiosität und politisches Handeln untrennbar zusammen.
‚Beten und Tun des Gerechten‘ hat es Dietrich Bonhoeffer formuliert und auch: ‚Wer fromme Liede singt, muss auch für die Juden schreien‘.
Die Welt als Ganze in den Blick nehmen und das aus der Perspektive derer, die an den Rand gedrängt werden, die Opfer der ungerechten Verteilung sind, der Hungernden, der Kriegsopfer, derer, die um ihr Leben zu retten, flüchten müssen – und das in der Nachfolge Jesu sehen und entsprechend handeln. Für Bonhoeffer und Sölle ist Jesus einer, der Partei nimmt, der die Ausgegrenzten, die Kranken, Armen, Leidenden nicht nur wahrnimmt, sondern sich mit ihnen solidarisiert, sie selig preist (wie wir es in den Seligpreisungen am Anfang gesprochen haben: die Armen, die Leidenden, die Verfolgten, die nach Gerechtigkeit Hungernden). Und er wird einer der Ihren bis hin zur Annahme der grausamen Todesstrafe für Verbrecher am Kreuz.
In der Nachfolge Jesus gilt es wie er für die Entrechteten einzutreten, sich für sie einzusetzen und mit ihnen von unten her das Reich Gottes mit aufzubauen. Denn Gott braucht uns für sein Werk:

Im Reden vom lieben Gott, der allmächtig ist und behütet und beschützt, vergessen wir…Gott hat keine anderen Hände als unsere,…Auch wir können Gott lieben, schützen, wärmen, dem es vielleicht auch manchmal kalt wird, wenn er diese Welt ansieht. Gott über alle Dinge lieben, das ist, was Mystik für ans alle sein kann.

Mystik war für Sölle auch ein großes Thema. Ein dickes Buch von ihr trägt den Titel: Mystik und Widerstand. Mystik ist ja eine besondere Gottessuche, eine Suche nach dem Eins werden mit dem Göttlichen, dem Ewigen, ist eine Hingabe an ein Staunen über die Schönheit Gottes, die immer wieder auch im Alltag aufblitzen kann, eine Selbstvergessenheit, die aber bei Sölle nie eine Weltvergessenheit ist, nie weltfremd, weltabgewandt ist. Es ist eine Gottesbedürftigkeit im doppelten Sinn: Eine Bedürftigkeit nach Gottes Nähe und ein Wissen, dass auch Gott bedürftig nach uns ist, dass Gott uns braucht, unser Tun des Gerechten, unseren Widerstand gegen alle Mächte und Strukturen, die menschenverachtend und darum gottlos, die leben- und weltzerstörend sind und auf zynische Weise wenige auf Kosten vieler sehr reich werden lassen.
In einem Vortrag zur Reformation hat D. Sölle 1968 gesagt:

Eine Kirche der Armut, eine Kirche des politischen Engagements – das ist ein Leitbild, das die konfessionellen Grenzen hinter sich lässt.

Ein kleines Beispiel dafür haben wir in unserer Gemeinde: Die Gruppe derjenigen, die den samstäglich stattfindenden Willkommenstreff für Geflüchtete Frauen und Kinder trägt und veranstaltet, ist gemischt aus Menschen unserer und anderer evangelischer Gemeinden, aus Katholikinnen und Menschen, die eher kirchenfern und auch aus der Kirche ausgetreten sind. Alle sind vereint im Engagement und tun dies gerne in Räumen und im Rahmen einer Kirchengemeinde.
So ist das politisch-soziale Engagement auch eine große Chance für die Kirchen, eine Chance für gemeinsames Handeln der Konfessionen, eine Chance, ja ein Reichtum, den die Kirchen Menschen auf der Suche nach einem sinngebenden Tun bieten können.

  • kleine Pause mit Orgelmusik (Improvisation zu ‚Sonne der Gerechtigkeit‘)

  • Pause zum Nach-Denken des Gehörten und auch zum Lesen des Glaubensbekenntnis‘
    das im Anschluss an die Ansprachen gemeinsam gesprochen werden wird.

Sonntagsschutz

Eine Aufgabe, die sich aus dem Zusammenhang von biblischem Zeugnis und gesellschaftspolitischem Handeln in besonderer Weise für die Kirchen heute stellt, ist der Schutz des Sonntags, der Schutz eines freien Tags in der Woche, der in unserer von christlicher Tradition geprägten Kultur der Sonntag ist, der Ruhetag Gottes, der Tag der Auferstehung Jesu.
Vielen weltlichen Mächten, der Wirtschaft, vor allem der neoliberalen Wirtschaft ist der Sonntag ein Dorn im Auge, ja ein Stachel im Fleisch: Ein Tag, wo das Geschäftsleben stillsteht, wo weniger Umsatz gemacht wird, wo Produktionsmaschinen abgestellt sind.
Gegen diese Mächte sich zu behaupten, braucht es vor allem den Widerstand der Kirchen, denn wir wissen, worum es geht, was das Heilsame an diesem uralten Gottesgebot ist:

‚Du sollst den Feiertag heiligen‘.

Für den Schutz des Sonntags und gegen alle Aushöhlung dieser segensreichen Tradition gibt es schon gutes Engagement, gerade auch hier in Darmstadt (im Verbund mit Gewerkschaften und anderen Gruppen und im gemeinschaftlichen Tun verschiedener Konfessionen)
Ich würde mir wünschen, dass dieses Thema gerade im Jubiläumsjahr 2017 ein ganz zentrales Thema wird. In diesem Jahr wird die Evangelische Kirche viel Aufmerksamkeit bekommen und wird gehört werden. Mit einem bloßen Lutherrummel, der zu solchen Absurditäten wie den Verkauf von Luthernudeln führt, vergibt die Kirche eine Riesenchance.
Einen der schönsten Texte zum Gebot der Sonntagsruhe hat D. Sölle geschrieben, ein Text, der nicht oft genug zitiert werden kann:

Das dritte gebot sagt mir

Du sollst dich selbst unterbrechen
zwischen arbeiten und konsumieren
soll stille sein und freude
zwischen aufräumen und vorbereiten
sollst du es in dir singen hören
gottes altes lied von den sechs tagen
und dem einen der anders ist

Zwischen wegschaffen und vorplanen
sollst du dich erinnern
an diesen ersten morgen
deinen und aller anfang
als die sonne aufging
ohne zweck
und du nicht berechnet wurdest
in der zeit die niemanden gehört
außer dem ewigen

Und nun noch das – wie ich finde – wichtigste Thema, eins, das mich persönlich ganz stark anspricht: die Sehnsucht

Es geht um die Sehnsucht nach dem Reich Gottes, nach dem, dass sich der Wille Gottes auf Erden durchsetzt, dass die Welt frei und erlöst wird vom Bösen – all das, worum wir im Vater unser bitten: die Sehnsucht nach einer Welt in Frieden, in bewahrter, heiler Schöpfung, in Gerechtigkeit für alle Menschen.
Wir Christen haben dieses Ziel, dieses Ausgerichtet sein unseres Denkens, Träumens und Handelns, diese Sehnsucht nach Shalom.
‚Ich kann ja doch nichts tun‘ und ‚es gibt keine Alternative‘ – solche Sätze sind für Dorothee Sölle Sünde, sind eine Trennung von Gott, indem ich die Sehnsucht verrate und mich in den Niederungen der Gottesferne, in menschunwürdigen Arbeitsprozessen einrichte und mich depressiv und resignativ mit Ungerechtigkeit und zerstörerischen Lebensstrukturen abfinde.
‚Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden‘ – diesen bewegenden Text haben wir vor der Predigt gehört – es ist noch nicht erschienen, aber wir sind dahin ausgerichtet und wir haben es im Blick und im Fokus unseres Handelns, was alles noch nicht gut ist und wozu Gott unsere Mitarbeit braucht. Und diese Mitarbeit ist ein Tun, das auch Pausen kennt, eine selbstvergessene Freude am Schönen, das Gott uns schenkt, am Spielerischen und Leichten, Freude an diesen Geschenken, die wir nicht den Mächten des Bösen überlassen wollen, sondern in deren Genießen wir Gott loben.
Dieses Ausgerichtet sein, dieses Eine-Richtung-haben auf ein wunderbares Ziel, das vereint uns Christen verschiedener Konfessionen. Vom Ziel her verlieren die Unterschiede ihre trennende, ausgrenzende Macht.
Das wünsche ich mit vom Reformationsjubiläumsjahr, das morgen beginnt und mit dem allgemeinen Feiertag am 31.10.2017 endet, dass diese Botschaft vom großen Ziel, vom großen jüdisch-christlich-biblischem Traum zu hören ist und dass für den Weg zu diesem Ziel alle Kräfte gebraucht werden, die nicht vergeudet werden sollen für theologische Haarspaltereien und Abgrenzungen.
Denn: Selig sind, die Hunger und Durst haben nach der Gerechtigkeit…
Selig sind, die wie Dorothee Sölle die Sehnsucht nach erfülltem Leben für alle wachhalten!

AMEN.

Nach katholischer Tradition wollen wir heute das Glaubensbekenntnis jetzt, nach der Ansprache, sprechen, und wir sprechen es mit Worten, die Dorothee Sölle formuliert hat:

Ich glaube an gott
der die welt nicht fertig geschaffen hat
wie ein ding das immer so bleiben muss
der nicht nach ewigen gesetzen regiert
die unabänderlich gelten
nicht nach natürlichen ordnungen
von armen und reichen
sachverständigen und uniformierten
herrschenden und ausgelieferten

ich glaube an gott
der den widerspruch des lebendigen will
und die veränderung aller zustände
durch unsere arbeit
durch unsere politik

Ich glaube an jesus christus
der recht hatte als er
„ein einzelner der nichts machen kann“
genau wie wir
an der veränderung aller zustände arbeitete
und darüber zugrunde ging
an ihm messend erkenne ich
wie unsere intelligenz verkrüppelt
unsere fantasie erstickt
unsere anstrengung vertan ist
weil wir nicht leben wie er lebte

Ich glaube an jesus christus
der aufersteht in unser leben
dass wir frei werden
von vorurteilen und anmaßung
von angst und hass
und seine revolution weitertreiben
auf sein reich hin

Ich glaube an den geist
der mit jesus in die welt gekommen ist
an die gemeinschaft aller völker
und unsere verantwortung für das
was aus unserer erde wird
ein tal voll jammer hunger und gewalt
oder die stadt gottes
ich glaube an den gerechten frieden
der herstellbar ist
an die möglichkeit eines sinnvollen lebens
für alle menschen
an die zukunft dieser welt gottes

amen.

Ev. Andreasgemeinde Darmstadt- Bessungen
Pfarrerin i.R. Andrea Bauer
30.11.2016