Silberne Ehrennadel für Herbert Gunkel

Laudatio anlässlich der Verleihung der Silbernen Ehrennadel an StD i.R. Herbert E. Gunkel

Text: Präses Dr. Ulrich Oelschläger

Sehr geehrte Frau Strobel, Vorsitzende der Dekanatssynode,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
insbesondere: Sehr geehrter Herr Gunkel, lieber Herbert,

wenn nicht jetzt wann dann?“ So lautet eine der berühmtesten Fragen im Talmud, genauer gesagt: in der Mischna, die im Talmud interpretiert wird. „wenn nicht jetzt wann dann?“ fragt Hillel, einer der berühmtesten antiken Rabbiner. Wenn nicht jetzt, nachdem Du die meisten Deiner fast unzähligen Ehrenämter beendet hast, wann dann sollten wir Dir, lieber Herbert, endlich einmal öffentlich Danke schön sagen für all das, was Du für Deine Kirche getan hast?

Hillel taugt nicht nur als Zitatengeber für eine Laudatio auf Herbert Gunkel, sondern auch in seiner Persönlichkeit. Hillel galt als weitherziger und geduldiger Lehrer. Zentral waren für ihn Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit. Er hatte zahlreiche Schüler. Bis heute sind Hillels Worte in der jüdischen Überlieferung von wesentlicher Bedeutung, vor allem in der jüdischen Ethik. Und ich kann es mir nicht anders vorstellen als dass auch Du, Herbert, in den Köpfen und Herzen Deiner Schüler bis heute präsent bist und zwar insbesondere dann und dort, wenn es um das Tun des Richtigen geht.

„wenn nicht jetzt wann dann?“ ist aber nur die dritte und letzte der Fragen, die Hillel stellt. Das Zitat aus den Pirkej Awot, den Sprüchen der Väter, lautet vollständig:

„Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich,
und bin ich nur für mich, was bin ich,
und wenn nicht jetzt wann dann?“
(Sprüche der Väter – Pirkej Awot 1,14)

Die zweite der Fragen: „bin ich nur für mich, was bin ich?“ – das könnte Dein Lebensmotto gewesen sein. Schon weit über ein halbes Jahrhundert lebst Du eine diakonische Existenz: vermutlich auch im Hauptberuf, hundertfach dokumentiert im Ehrenamt und auch als Privatmann. Nach außen hin gekrönt wurde das Ehrenamtliche durch Deinen Vorsitz im Ausschuss für Diakonie während der Zehnten Kirchensynode der EKHN. Aber das „bin ich nur für mich, was bin ich?“ scheint mir schon über Deinen ersten ehrenamtlichen Tätigkeiten als 14jähriger zu stehen. 1959 (!) beginnt eine mehrere Druckseiten umfassende einzeilig gesetzte Liste Deiner ehrenamtlichen Tätigkeiten. Ganz am Anfang steht „Kindergottesdiensthelfer und Jugendgruppenleiter“ in der Gemeinde, in der Du ein halbes Jahr zuvor konfirmiert worden warst.

Liebe Gemeinde, läse ich jetzt die genannte Liste vor, so würde ich die Länge der schönen Predigt, die wir soeben gehört haben, übertreffen. Diejenigen unter Ihnen, die von außerhalb der Andreasgemeinde gekommen sind, haben einen Auszug dieser Liste in der Einladung für diesen Gottesdienst lesen können. Nochmals verkürzend möchte ich wenigstens Folgendes nennen: Herbert Gunkel war Synodaler der Neunten und Zehnten Kirchensynode der EKHN und hier jeweils Ausschussvorsitzender; außerdem Mitglied zweier Dekanatssynodalvorstände des Ev. Dekanats Darmstadt-Stadt. Hier war er auch Vorstandsmitglied der Evangelischen Erwachsenenbildung.

Durch die Tätigkeit in der Kirchensynode hast Du, lieber Herbert, auch weit über Darmstadt hinaus gewirkt. Aber noch mehr: Insbesondere in Deiner Eigenschaft als Religionslehrer hast Du auf Landeskirchen- und auf Bundesebene Ehrenämter in wichtigen Gremien wahrgenommen, mehrfach in leitender Funktion. Nicht nur als Präses darf ich, sondern als jemand, der selbst wie Du als Religionslehrer und Studiendirektor gewirkt hat, kann ich auch fachlich würdigen, was Du hier geleistet hast.

Dabei hast Du anders als mancher Koätane nie die Bodenhaftung verloren. Wenn ich Deinen Lebenslauf neben den eines früheren Bundeskanzlers lege, so lesen sich die ersten 23 Jahre fast gleich. Schicksale im Krieg gezeugter Kinder, die von der Hauptschule aus ihren Weg gemacht haben, allen heute kaum noch vorstellbaren Schwierigkeiten zum Trotz. Du bist in den Jahrzehnten danach bei den Menschen geblieben, bei den Jungen, den Gleichaltrigen, den Alten. Und nicht zuletzt, sondern zuvorderst immer wieder bei den Benachteiligten und bei den Schwachen.

Liest man Deinen Beitrag in der Festschrift zum 60jährigen Bestehen der Darmstädter Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, so wird Dein Charakter besonders schön deutlich; pars pro toto möchte ich darauf eingehen. Kaum einmal fällt in diesem Aufsatz Dein eigener Name; wirklich deutlich wird nur dem, der Dich kennt, was Du hier geleistet und wie Du gewirkt hast. Politisch von Anfang an, z.B. gegen Neonazis und ewig Gestrige. Aber eben als religiöser Mensch, als Mann der Kirche. Mit der Organisation von Jugendreisen nach Israel schon in den 60ern des letzten Jahrhunderts hast Du Neuland betreten. Genauso mit der Heranziehung eines Rabbiners in der Ausbildung von Berufsschülern, die auf diese Weise bei ihrem Handwerk lernten, was Kashrut, Leben nach den jüdischen Vorschriften für Speisen, bedeutet. Du hast wesentlich dazu beigetragen, dass vertriebene Darmstädter Juden sich beim Besuch hier in ihrer Heimatstadt wohlgefühlt haben. Genauso zum Gelingen der Einweihungsfeiern der neuen Synagoge dieser Stadt. Dabei trittst Du nicht in den Vordergrund, sondern lässt die jungen Leute ihren, von Dir ermöglichten, aber auch gewiesenen Weg gehen. Schönerweise sind aber Deine Verdienste nicht nur manchen der unmittelbar Betroffenen bekannt geworden, sondern Du bist im Laufe der Jahre von staatlichen bzw. kommunalen Stellen in Darmstadt, in Italien, Ungarn und in Israel entsprechend geehrt worden. Umso überfälliger ist das, was wir heute kirchlicherseits tun.

Lieber Herbert, im Auftrag der Kirchenleitung der EKHN danke ich Dir von Herzen für Deine Lebensleistung in der EKHN und überreiche Dir als kleines Zeichen unseres Dankes und unserer Anerkennung die Silberne Ehrennadel unserer Kirche.