Gottesdienst am 25.1.15 in der Andreasgemeinde

Predigt: Mt 17, 1-9

Text von Frieder Haug

Zunächst möchte ich Matthäus in seine Zeit stellen, damit ich die Geschichte, die er aufschreibt verstehen kann.

Er ist Judenchrist, das kann man aus seinen kenntnisreichen Zitaten aus der Thora schließen. Er möchte das Leben und Wirken Jesu mit den Prophezeiungen dort verbinden.

Die Priesterschaft der Juden hatte es immer wieder mit selbsternannten Messiassen zu tun, die zum Aufstand gegen die Römer aufriefen, um das lange erwartete neue Davidische Großreich Israel herbeizuführen.

Sie selbst war überwiegend pharisäisch orientiert, d.h. sie wollte das Leben möglichst vollständig in Religionsgesetze fassen, um es dem römischen Zugriff zu entziehen. Mit der Verfolgung anderer Strömungen versuchte sie, das Unheil abzuwenden. Paulus hat als Saulus deshalb die Christen scharf verfolgt, bis er durch das Damaskuserlebnis bekehrt wurde. Sie musste dennoch erleben, wie Israel im Krieg gegen die Römer unterging und wie der Tempel in Jerusalem zerstört wurde. Titus führte die heiligen Gegenstände, z.B. die Menorah, den siebenarmigen Leuchter, und die besiegten Juden im Triumphzug durch Rom. Die Szene ist am Titusbogen in Rom dokumentiert.

Der Tempel als Zentrum des Judentums wurde jetzt ersetzt durch ausgefeilte Rechtsvorschriften. So erhielt das Judentum ein über die Jahrhunderte erfolgreich wirkendes Korsett, das sie in vielen Ländern weiter pflegten. In den Mehrheitsgesellschaften fielen sie dadurch als andersartig, fremd auf und wurden immer wieder verfolgt.

Das neu aufblühende Christentum, das sich aus dem Judentum entwickelte und durch Paulus auch für nichtjüdische Menschen offenstand, geriet in Konflikt und Konkurrenz zu den pharisäischen Priestern. In christlichen Gemeinden war die Frage: Wo gehören wir hin? Jesus war ja Jude.

Und hier steht dieser mystische Text von Matthäus über den Gang der Jesu mit den Jüngern auf den unbekannten Berg:

17 1Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. 2Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. 3Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. 4Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. 5Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören! 6Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr. 7Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht! 8Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein. 9Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.

Jesus begegnet hier auf dem Berg Moses und Elia: Moses, der Israel aus Ägypten herausgeführt hat und dem Volk Israel die 10 Gebote überbrachte, und Elia, dem großen Propheten. Und dann die Stimme, aus den Wolken, die Stimme Gottes, die hier mit den gleichen Worten wie im Markusevangelium bei der Taufe Jesu im Jordan Jesus legitimiert: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Jesus wird mit höchster Autorität in die jüdische Tradition gestellt: er ist der legitime Nachfolger von Moses und Elia.

Und die Juden haben diese christliche Interpretation der jüdischen Tradition nicht akzeptiert. Das ist der Ursprung einer konfliktgeladenen Geschichte

Ich war vor etwas mehr als einer Woche im Jüdischen Museum in Berlin. Das Ausstellungsgebäude von Daniel Libeskind und auch die Ausstellungsgestaltung sind sehr beeindruckend. Das wechselvolle Zusammenleben zwischen Christen und Juden durch die Jahrhunderte wird lebendig, auch durch Filme der TU Darmstadt, die einen plastischen Eindruck des mittelalterlichen Lebens der Juden vermitteln. Bilder und Texte aus der Blütezeit des Judentums hier in der Nähe, in Mainz, Speyer und Worms haben mich an meine Wormser Zeit erinnert, an das Raschi-Haus dort. Rabbi Salomon Ben Isaak, genannt Raschi. Bis heute ist der Talmudkommentator und Gelehrte in der jüdischen Welt hoch geschätzt. Um 1060 studierte er im damals in ganz Europa bekannten Lehrhaus in Worms. Er war ein Licht im sonst eher dunklen Mittelalter.

Beeindruckt haben mich auch die Darstellung des Lebens der Juden in Deutschland um die Jahrhundertwende (1900) und ihr Beitrag zu Wissenschaft und Kultur. Wo wären wir, wenn all das nicht mit der Machtergreifung Hitlers zu Ende gegangen wäre. Deutschland hat den Juden sehr viel zu verdanken.

Aber: Die Juden waren in der christlichen Mehrheitsgesellschaft immer wieder Verfolgungen ausgesetzt.

Die Kreuzzügler sammelten Geld bei den Juden ein und brachten in ihrer Verblendung bei ihrem Zug am Rhein entlang viele Juden um. Als die Pest Europa heimsuchte, waren wieder die Juden die Schuldigen. Auch Martin Luther rief nach anfänglicher Hoffnung auf ihre Konvertierung zum Christentum zu ihrer Drangsalierung auf. Der Hofprediger in Berlin, Stoecker, gründete Ende des 19. Jahrhunderts eine antisemitische Partei Die Evangelische Kirche hatte durchaus ihren Anteil an der Entwicklung des Antisemitismus und stellt sich dieser geschichtlichen Verantwortung auch.

Und so kam es schließlich zum Holocaust.

Wir gedenken am kommenden Dienstag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Eine schwierige Geschichte, die in der Konfliktsituation zwischen Judenchristen und Juden im ersten Jahrhundert beginnt. Hier bei Mt. Auf dem Berg Horeb. Jesus ist Jude; das Christentum steht in dieser Sukzession, unser Predigttext ist aber schon im Konflikt geschrieben. In diese Tradition gehören wir.

Bis heute. Der Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde in Darmstadt, Daniel Neumann beklagt, dass der große Aufschrei ausbleibt, wenn jüdische Mitbürger z.B. in Frankreich bei Attentaten ums Leben kommen. (Alle waren Charly, der Überfall auf das jüdische Geschäft geriet in den Hintergrund). In Darmstadt muss die Synagoge von der Polizei geschützt werden. Das Mahnmal am Güterbahnhof entworfen von der kürzlich verstorbenen Ritula Fränkel und Nicholas Morris wurde zweimal mit Vorschlaghämmern attackiert. Als ich noch an der Erasmus-Kittler-Schule unterrichtete bin ich jedes Jahr um den 9. November herum mit Schulklassen dorthin gegangen. Die Zerstörung war wahrscheinlich das Werk fehlgeleiteter junger Männer.

Ob sie der rechtsextremen Szene angehörten ist wahrscheinlich. Daniel Neumann sieht aber wie in Frankreich auch hier den Islamismus als Gefahr. Das ist eine Frage, die wir durchaus auch ernst nehmen müssen.

Heute könnte man auch darüber nachdenken, dass die Tradition ja fortgesetzt wurde von Mohammed und dem Islam. Mit den gleichen Problemen: die älteren Religionen sind überholt. Wir sind die richtige Weiterführung des Willens Gottes. Wer anders denkt, der muss eliminiert werden. Einige Suren im Koran deuten in diese Richtung. Junge Männer ohne andere Perspektiven lassen sich durch diese Botschaft leicht zu sogenannten Märtyrern des Dschihad, ihres sogenannten heiligen Krieges, machen. Der Islamische Staat beruft sich darauf und verhält sich so wie früher die Kirche gegenüber anderen Religionen. Wir können hoffen, dass die Mehrheit der Moslems weiter ist und die Stellen im Koran betont, die von der geschwisterlichen Verbindung der drei Schriftreligionen handeln. Im Koran ist sogar die Rede davon, dass Christen und Juden auch einen Platz im islamischen Himmel finden.

Hier aber bleiben wir bei uns selbst. Die Kirchen sehen auch diese Perikope bei Matthäus nicht mehr als Machtanspruch gegenüber den Juden.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat in einer Erklärung im Jahr 1950 klargestellt:

Wir glauben, dass Gottes Verheißung über dem von ihm erwählten Volk Israel auch nach der Kreuzigung Jesu Christi in Kraft geblieben ist….Wir bitten alle Christen, sich von jedem Antisemitismus loszusagen und ihm, wo er sich neu regt, mit Ernst zu widerstehen und den Juden und Judenchristen in brüderlichem Geist zu begegnen“.

Wir sind auf der richtigen Spur. Wir bekennen: Für uns hat Jesus die Verheißung des Alten Testaments erfüllt: Das Reich Gottes ist in ihm angebrochen. Aber die Juden, auch wenn sie dem nicht zustimmen können sind weiterhin in einer besonderen Beziehung zu Gott. Wir können nebeneinander in vielem zusammenarbeiten ohne die Unterschiede zu verwischen. Brüderlich und schwesterlich. Es steht nicht an uns zu richten. Richter ist Gott, und Gott ist barmherzig, wie uns Jesus gezeigt hat.