Predigt zur Verabschiedung von Andrea Bauer

Predigttext vom 26.1.2014, Verabschiedungsgottesdienst Andrea Bauer

Gnade und Friede von Gott…

Liebe Gemeinde!

Da gedachte Gott an Noah – so der grandiose Anfang des Textes, den wir als Lesung hörten und der auch meiner Predigt zugrunde liegen soll.
Da gedachte Gott an Noah – das ist, so finde ich, einer der Sätze, um die wir, denen die Bibel wertvoll ist, zu beneiden sind, einer der Sätze, die bei der Predigtvorbereitung zu entdecken, für mich ein Glücksgefühl auslöst.
Da gedachte Gott an Noah – was für eine einfache und doch so poetische Beschreibung der Beziehung Gottes zu uns Menschen
Da gedachte – gedacht haben werden zumindest meine Pfarrkollegen und Kolleginnen und andere Perikopen kundige Menschen: Da ist Andrea Bauer, ich ergänze ganz uneitel: ‚wieder mal‘ ihrer Zeit voraus. Das ist doch der Predigttext vom nächsten Sonntag. Das stimmt: Ich hatte mich verguckt. Im Sommer 2013, als der Termin für diese Verabschiedung festgesetzt wurde, hatte ich gleich nachgesehen, worüber ich dann wohl predigen werde, und nach meiner Rechnung war der 26.1. der 4. So nach Epiphanias – und ich war sehr glücklich mit diesem Text. Als dann im Herbst der Pfarrerkalender kam, musste ich feststellen, dass heute erst der 3. Epiphanias-Sonntag ist. Aber da ich mich so in diesen Text verguckt hatte, wollte ich nicht mehr tauschen. Und Pröpstin Karin Held gab mir dann auch das kirchenleitende Ok, diesen Text zu nehmen. Er passt einfach zu gut zu dem Anlass heute, (und sei es wegen der Enge!) und ich kann etliche Bezüge zu mir und meinem Berufsleben herstellen, was ich mich dann auch nicht scheue zu tun.
Da gedachte Gott an Noah
5 Worte, über die es sich zu meditieren lohnte. Eigentlich sollten wir hier 20 Minuten schweigen, so dass jede und jeder die Worte im eigenen Herzen bewegen könnte.
Aber mir wurde so vieles im Zusammenhang mit diesem Text eingegeben, was ich weitergeben möchte.
Da gedachte Gott an Noah
Einige Kapitel weiter im 1. Buch Mose heißt es: Da gedachte Gott an Rahel und erhörte ihr Gebet und ließ sie ein Kind empfangen, austragen und gebären. Und viele, viele Kapitel weiter könnte in einer Biographie stehen:
Da gedachte Gott an Andrea Bauer und ließ sie in einer Familie mit sehr liebevollen Eltern und 4 älteren, lebhaften und intelligenten Geschwistern aufwachsen, ließ sie einen Beruf finden, der zwar immer wieder auch viele Arbeit, bisweilen auch Mühsal bedeutet, insgesamt aber ungeheuren Reichtum und Vielfalt beschert – an Begegnungen, an Arbeitsformen, an Möglichkeiten.
Da gedachte Gott an Noah
d.h. Gott, Mutter und Vater von allen Menschen und Geschöpfen, gedenkt zu bestimmten Zeiten an bestimmte Menschen, aber er gedenkt an sie nicht an einzelne, isolierte Personen, sondern er gedenkt systemisch; er gedenkt an Noah mit seiner Familie, seiner Frau, den drei Söhnen Sem, Ham und Japhet und deren Frauen. Von den Frauen sind die Namen nicht überliefert – ein Unrecht, das zum Glück nicht die ganze Bibel durchzieht: Von vielen, gerade von starken Frauen wissen wir die Namen. (Diese Frauen, aber auch die namenlosen zu entdecken mit Hilfe der feministischen Theologie, bedeutete für mich ein beflügelndes Ja zum Pfarrerinnensein). Ein Unrecht aber, das bin zum heutigen Tag besteht und sei es darin, dass weibliche Sprachformen nicht genannt werden, weil sie ja angeblich immer mitgedacht werden.
Und zum systemischen An-gedenken gehören auch die Tiere, die gesamte Artenvielfalt der Tiere. Das ist das Lebensbild dieser Geschichte, von dem wir uns gerade in vielen Teilen immer weiter verabschieden – mit dem gedankenlosen Aussterben lassen von Tierarten, mit dem Ausbeuten der Tiere als medizinische Versuchsobjekte, als Lieferanten von Pelzen und vor allem Fleisch, was der gerade erschienene Fleischatlas wieder so erschreckend verdeutlicht hat.
Systemisch gedenkt Gott auch an mich; er schenkte mir eine Familie mit den beiden Söhnen, zu denen dann die Schwiegertöchter und die 4 wunderbaren Enkel kamen; er schenkte mir Freundinnen und Freunde, liebenswerte und interessante Gemeindemitglieder, kompetente und zuverlässige Mitarbeitende und dann noch die neue späte große Liebe.

428 Tage hat Noah insgesamt mit seiner Familie und mit all den Tieren in der Arche verbracht, in diesem Kasten, den er im Auftrag Gottes gebaut hatte: Ein geschützter Raum, in dem bei allem Chaos draußen, bei allem Toben der Elemente, bei aller Zerstörung Leben bewahrt wurde.
Geschützte Räume, in denen ein besonderes Leben möglich ist – dazu fallen mir 5 Räume ein, die es für mich –
in etwa vergleichbar mit der Arche – hier in der Gemeinde gab:

  • Der Kirchsaal,
  • das Kinderhaus,
  • das Louise-Dittmar-Haus,
  • mein Platz an meinem Küchentisch und
  • die Friedhöfe und Trauerhallen.
  1. Ich beginne mit den letzten, weil das vermutlich erklärungsbedürftig ist. Orte, an denen es um Tod, Sterben, Abschied, Tränen und Trauer geht als Lebensorte? Orte, an denen es gilt, vom Leben zu reden:
    Von der Würdigung des Lebens, das da zu Ende gegangen ist und von dem Leben, das stärker ist als der Tod, für das der Tod ein Verwandlungsort ist. Da haben wir Pfarrerinnen und Pfarrer etwas zu sagen – und ich konnte oft spüren, dass das, was ich zu sagen hatte, bei den Menschen ankam und zumindest eine kleine Ermutigung zum Leben war.
  2. Mein Platz am Küchentisch, von dem ich den Überblick über den Eingang zum Kinderhaus mit den Müttern und Vätern, die ihre Kinder bringen und abholen, hatte.
    Das – leider meist grußlose – Begegnen von Kulturen hat mich u.a dazu angeregt, die Interkulturelle Tischgesellschaft zu initiieren: ich wollte die verschiedenen Kulturen in Kindergarten und Gemeinde an einen Tisch bringen.
    Dann war da der Baum vor dem Fenster, auf den Kinder so gerne klettern, und der für eine Vielfalt von Vögeln Futter-Ausruh-, und Singplatz war. Und es war der Platz, an dem ich sonntagsmorgens zwischen 6.30 Uhr und ca. 8 Uhr meine Predigten geschrieben habe – ein geheiligter Zeit-Raum, voll Konzentration für das Aufschreiben und Formatieren dessen, was ich schon in den Tagen davor ausgebrütet hatte, was mir eingegeben worden war, zum Teil über Nacht.
  3. Das Kinderhaus: Welch ein Glück, ein großes Haus mit 100 Kindern zu haben, kompetent geführt mit liebevollen, engagierten Erzieherinnen. Und welch ein Glück, dort immer so freudig begrüßt zu werden! Dass ich bei zwei Jungen zur Frau des Lieben Gottes erklärt wurde, war wie eine ‚Krönung‘.
  4. Das Altenheim – und da möchte ich Werbung machen, dafür, dass man dort kostbare Erfahrungen machen kann in den Begegnungen mit den hochbetagten Menschen. Die Lebenserfahrungen, die Dankbarkeit und – das ist das Schönste – das Lächeln von alten Menschen. Das, dazu die Aufmerksamkeit bei den Gottesdiensten, hat bei mir alles aufgewogen, was es auch an schwierigen Erfahrungen dort gibt.
  5. Der Kirchsaal, der mich hierher gezogen hat und in dem ich so viel Gutes, Schönes und Inspirierendes erleben durfte in den unterschiedlichsten Gottesdiensten, den Festen und Feiern, gemeindlich und privat, den Ausstellungen, den Konzerten, dem Tanzen, der Stille, den Tischgesellschaften, den Vorträgen, dem Bibliodrama, den Lesungen bis hin zum Kabarett.

Da gedachte Gott an Noah
Und er sagte sich: Jetzt reicht‘s. Er stoppte den Regen, verschloss die Luken des Himmels, die Quellen auf der Erde, all das, wodurch das äußere Chaos auf die Erde gekommen war. Und er ließ einen frischen Wind wehen, um die Erde abtrocknen zu lassen. Da ist ein pfingstlicher Anklang in der alten Geschichte.
Im letzten Vers unseres Textes heißt es: Da wusste Noah, dass die Sintflut beendet ist und dass sie die Arche verlassen konnten.
Er hatte gehört, dass der Regen aufgehört hat, dass ein Wind wehte; er hatte gespürt, dass die Arche auf einem Berg aufgesetzt ist. Vom Ende der Sintflut w u s s t e er aber erst, als er das Wissen, die Erfahrungen und den Instinkt der Tiere, der Vögel genutzt hat. Zuerst ließ er einen Raben fliegen, der ja bekanntlich ein sehr kluges Tier ist. Die Klugheit nutzte dem Noah aber nichts, weil der Rabe auch so viel Ausdauer hatte, dass er einfach immer weiter flog, bis die Erde getrocknet war, und er nicht zu Noah zurückkehrte – er war eben doch ein Rabenvater. Aber Frau Rabe muss ihren Mann gefunden haben, denn die Art hat überlebt: Elia wird von 2 Raben ernährt, und im Lukasevangelium weist Jesus nicht auf die Vögel unter dem Himmel als Vorbilder in der Sorglosigkeit hin, sondern auf die Raben unter dem Himmel.
Dann ließ Noah eine Taube fliegen – doch noch war die Erde mit Wasser bedeckt; die Taube kam zurück.
‚Da tat Noah seine Hand heraus und nahm die Taube zu sich in die Arche‘ – wieder eine so schöne Sprache, die diese fast zärtliche, vertrauensvolle Beziehung zwischen Noah und der Taube beschreibt.
‚Da tat er seine Hand heraus‘ und holte sie zurück in die Geborgenheit der Arche.
Heute sind hier ja etliche Bibliodramakundige Menschen und solche, die es gewohnt sind, dass man/frau sich im Gottesdiensten der Andreasgemeinde bewegen muss – und so möchte ich einladen, diese schöne Geste nachzumachen: Da tat Noah seine Hand heraus und holte die Taube zu sich in die Arche‘.
Dazu fällt mir das Gedicht von Hilde Domin ein:
‚Nicht müde werden,
sondern dem Wunder
wie einem Vogel die Hand hinhalten.‘

Nach 7 Tagen – die Bibel ist ja voller Zahlensymbolik, die ich so liebe, lässt Noah die Taube ein 2. Mal fliegen. Und siehe da, die Taube kommt mit einem Ölbaumzweig im Schnabel zurück. Nach jüdischer Deutung stammt dieser Zweig von einem Ölbaum in Paradies. Die Taube mit dem Ölbaumzweig ist zu dem am häufigsten gemalten, gezeichneten, abgebildeten biblischen Symbol geworden, ein Symbol für Hoffnung, für Sehnsucht nach dem Paradies, für Beendigung alles Chaos, aller Zerstörung, für Frieden und Neuanfang.
Im Jahr 1983 bin ich in der Wormser Matthäusgemeinde ordiniert worden; in diesem Jahr hieß die Jahreslosung: Selig sind, die Frieden stiften, denn sie sollen Gottes Kinder heißen. Auf den Einladungskarten zur Ordination war eine Taube mit dem Ölzweig.
Nach weiteren 7 Tagen – in einer Woche kann ja viel geschehen – ließ Noah die Taube zum 3. Mal fliegen, und sie kehrt nicht zurück, sie hat Nist-, Ruhe- und Nahrungsplatz gefunden.
Da w u s s t e Noah, und er wusste es durch das Verhalten der Tiere, dass die Sintflut beendet war. Er folgt der Anweisung Gottes und öffnet alle Luken, alle Türen und Fenster, und alle Tiere fliegen, kriechen, springen heraus, suchen sich neue Orte zum Weiterleben. Bei dieser Vorstellung wird bei mir eine große Sehnsucht wach: dass die Menschen, die heutzutage auf der Flucht vor Hunger, Krieg, Folter, Ungerechtigkeit sind, Archen zur Bewahrung ihres Lebens finden sollten, und dass sie dann auch aus den sie schützenden Archen heraustreten können und sichere Orte für ihr Weiterleben finden, Orte, für die Gott wie damals auch heute verheißt:
So lange die Erde steht, soll nicht aufhören,
Saat und Ernte, Frost und Hitze,
Sommer und Winter, Tag und Nacht.
Eine Verheißung, die heute auch für die Andreasgemeinde gilt: Da soll es weitergehen mit Saat und Ernte, mit Sommer und Winter, mit Tag und Nacht. Es wird anders weitergehen, aber es geht gut weiter – in den Rhythmen der Zeit mit neuer Saat, mit neuer Ernte, mit neuen Tagen und Nächten, neuen Osternächten und Ostermorgen, Morgen- und Abendgottesdiensten.

Da gedachte Gott an Noah
und das nächste Kapitel beginnt mit den fast noch schöneren Worten: Da segnete Gott Noah. Und für diesen Segen des Neuanfangs gibt es ein Zeichen, den Regenbogen.
Als ich vor 17 Jahren von Worms hier nach Darmstadt umgezogen bin und in meinem Auto hinter dem Umzugswagen herfuhr, gab es auf der B 47 zwischen Worms und Bensheim einen wunderbaren Regenbogen. Das war so ein verheißungsvolles Zeichen. Diese Verheißung hat sich erfüllt in einer bunten, farbengefüllten Zeit. Und heute erbitten wir alle Gottes Segen mit dem Zeichen der Farben des Regenbogens für die kommende Zeit für die Gemeinde, für alle Menschen, die hier ehren-neben- und hauptamtlich arbeiten, für alle, die sich mit der Gemeinde verbunden wissen – und auch für mich, die ich in so besonderer Weise heute dankbar sein kann.
Gott an Noah und an die, die zu ihm gehörten, die Menschen und die Tiere.
Da gedachte Gott an Karin Pöpel, Aaron Bauer, Heidemarie Langer, Alphonse Saraoua, Anastazja Hein und wie Sie alle hier heißen…
Was dieser so großartige Satz in Übertragung für jede und jeden Einzelnen von Euch und Ihnen bedeuten kann, dafür lohnt es sich – und das ist meine letzte Empfehlung, die ich als Gemeindepfarrerin hier weiter gebe – nachzusinnen, sich Zeit zu nehmen, die Worte im Herzen zu bewegen.
Auch über solche Fragen wie: ‚Wo bin ich bewahrt worden?‘, ‚Wo gab/gibt es besondere geschützte Räume für mich?, ‚ Wo ist es auch dran, in neue Räume/Orte zu springen?‘
Und ich gehe davon aus, zumindest wünsche ich das allen, dass jeder und jede spüren kann: Gott gedenkt meiner. Und diesen Gott kann ich täglich neu um den Segen bitten für mich und mein ‚System‘, in dem ich lebe, das mich trägt und für das ich mit Verantwortung trage.
AMEN.
Und der Frieden Gottes…

Lied: Vertraut den neuen Wegen…