Archiv der Kategorie: Predigt

Videogrußwort am 17.5.20

Videogrußwort am 17.5.20

Thema: Gottes Brücke – Regenbogen

Pfarrerin Karin Böhmer (K) und Pfarrerin Gudrun Goy (G)

Karin Böhmer: Wir begrüßen Sie und Euch!
Wieder sind einige Tage vorbei.
Tage, an denen wir Zuhause waren.
Tage, an denen wir Abstand halten.

Gudrun Goy: Trotzdem habe ich Schönes erlebt:
Ich habe einen tollen Regenbogen
gesehen. Aus meinem Fenster.
Einen doppelten. Schau mal. Ich habe ein Foto gemacht.
Ich freue mich immer noch über diese tollen Farben am Himmel.

K: Wie schön! Das kann ich gut verstehen.
Ich bin auch immer begeistert von dieser Schönheit am regengrauen Himmel.
Mit fällt dazu eine Geschichte in der Bibel ein.
Da sagt Gott:
„Ich setze einen Bogen an den Himmel.
Der ist wie eine Brücke von mir zu Euch Menschen.“
Das heißt: Gott verbindet sich mit uns Menschen.
Für mich ist das ein wichtiges Versprechen.
Gott ist bei uns.

G: Für mich sagt Gott damit:
Lebt getrost und mutig!
Träumt davon, dass sich etwas zum Guten ändert.
Gerade in dieser Zeit.
Denn Gott gibt neue Möglichkeiten.
Dafür ist der Regenbogen ein Zeichen.

K: Deswegen malen Kinder Bilder vom Regenbogen.
Die Kinder hängen die Bilder in die Fenster.
Damit alle sie sehen können.
Und Hoffnung bekommen.
Hoffnung darauf, dass es weiter geht.
Und schau!
In der Andreasgemeinde haben wir auch einen Regenbogen.
(der Regenbogen kommt ins Bild)

G: Wow! Der ist toll!
Der Regenbogen zeigt mir:
Gott hat viel Phantasie.
Da sind so viele bunte Farben.
Für mich haben die Farben alle eine Bedeutung.

K: Für mich auch.
Ich fange mal mit der Farbe ganz unten an.
Lila ist die unterste Farbe auf Gottes Brücke zu uns Menschen. (Tuch nehmen)
Lila ist die Farbe für die Traurigkeit.
Ich glaube, das ist ein Gefühl, das Menschen kennen. Gerade momentan.
Viele sind traurig.
Weil alles anders ist.
Weil vieles ausfällt.
Weil es langweilig ist.
Weil wir vieles vermissen, auch Menschen.
Weil wir manche Dinge lassen müssen.
Das macht traurig.
Und das ist ok.
Darüber dürfen wir auch traurig sein.
Denn das Traurig sein gehört zu unserem Leben dazu.
Darum ist die Farbe beim Regenbogen dabei.
(Tuch zum Bogen)

G: Dann ist da das Blau. (Tuch nehmen)
Blau wie der Himmel – der überall ist.
Blau wie Wasser, durch das Leben möglich ist.
Gott schenkt uns das Leben.
Und ein Versprechen: Ich bin bei dir!
Du, Mensch, bist mir wertvoll und kostbar.
Ich glaube, so ein Versprechen tut gut.
Gerade wenn wir traurig sind.
(Tuch zum Regenbogen)

K: Und Gott hat noch das Grün dazu getan:
(Tuch nehmen)
Grün, wie die Hoffnung.
Die spüre ich besonders im Frühling.
Der Winter ist vorbei.

Sonntagsgruß zum Palmsonntag 5. April 2020

Liebe Gemeinde, liebe Leserinnen und Leser,

„Da kam eine Frau“, so erzählt das Markusevangelium im Predigttext für den heutigen Sonntag (Mk 14, 3–9). Ihren Namen kennen wir nicht.

Woher kommt sie, diese Frau?
Aus der Nachbarschaft oder weiter weg?
Sie tritt ein, in das Haus von Simon dem Aussätzigen, in dem Jesus sich gerade aufhält und mit einigen anderen gemeinsam zu Tisch liegt.
Es ist zwei Tage vor dem jüdischen Passahfest. Für Jesus spitzt sich die Situation zu. Er steht kurz davor, verhaftet zu werden. Aber andere um ihn herum wollen das nicht wahrhaben.
So ist Jesus letztlich unverstanden, einsam.

Die Frau kommt nicht ohne Grund. Sie hat ein Anliegen.
Das, was sie gleich tun wird, ist nicht spontan, aus der Laune eines Moments heraus.
Auch, wenn es in diesem Augenblick genau das Richtige ist.
Sie will etwas und sie bringt etwas mit:
Ein Alabastergefäß mit reinem und kostbarem Öl zum Salben.
Allein das Gefäß, in dem sie das Öl mitbringt, ist schon sehr wertvoll.
Auch das Öl selbst: Nardenöl, wie es nur bei Ritualen verwendet wird, bei denen Menschen in Gottes Namen gesalbt und gesegnet werden.

Die Frau ist nicht eingeladen. Und doch platzt sie mitten hinein in dieses Essen und geht direkt auf Jesus zu. Mutig und zielstrebig.
Was sie vorhat ist ungewöhnlich für eine Frau ihrer Zeit. Noch dazu gegenüber einem Rabbiner, einem Lehrer, wie Jesus es war. Ob Jesus eine Ahnung davon hatte, was sie vorhat?

Sie nimmt das Gefäß, zerbricht es und gießt das kostbare Öl über seinem Kopf aus. Alles.
Ein ganz besonderer Moment mitten in dieser alltäglichen Situation des Essens.
Die Frau salbt Jesus.
Sie macht Jesus sichtbar als „Gesalbten“. Nichts anderes bedeutet „Messias“ (hebräisch) oder „Christus“ (lateinisch).
Sie überträgt die Hoffnung auf einen Messias, auf einen gesalbten König, der heilsam wirken und Frieden bringen wird, wie sie ihrem Volk Israel lebendig ist, auf Jesus.

Jesus versteht sofort, was sie getan hat.
Nicht aber die anderen. Sie ärgern sich über die Verschwendung des kostbaren Öls.
Sie hätten es lieber verkauft und Armen damit geholfen.

Jesus aber nimmt die Frau in Schutz:
„Sie hat getan, was sie konnte und meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.“

„Zu ihrem Gedächtnis“.

Wie kann heute unsere Erinnerung aussehen an diese Frau? Ihren Namen kennen wir nicht. Wohl aber ganz aktuell das Gefühl von Sorge und Ängsten, was die Zukunft angeht. So vieles ist ungewiss. Wie lange soll das noch so weitergehen? Wieviel Geduld und Mut ist noch vorhanden?

Diese Frau, sie ahnt, dass Jesus sterben wird. Und setzt doch ihr ganzes Vertrauen in ihn. Sie schaut dem Tod und der Ohnmacht ins Auge und sieht dahinter: Hoffnung. Indem sie ihn salbt macht sie die Kraft lebendiger Hoffnung zeichenhaft deutlich. Bis heute.

Daran können wir uns erinnern. Heute am Beginn der Karwoche und in den Tagen, die kommen. Uns gegenseitig salben mit dem Öl der Hoffnung. Dieser Spur der Zuversicht folgen. Tun, was wir können und in diesen schwierigen Zeiten weiter nach Wegen suchen, die dem Leben dienen.

Zu ihrem Gedächtnis. Im Vertrauen auf Gott.

Ich wünsche Ihnen und Euch einen gesegneten Weg durch die kommende Karwoche – auf Ostern hin.

Ihre/ Eure Pfarrerin Karin Böhmer

Ökumenisches Glockenläuten jeden Abend um 19.30 Uhr

Heute ist Palmsonntag und eine besondere Woche beginnt: die Karwoche. In diesem Jahr läuten wir sie bewusst ein: denn heute Abend um 19.30 Uhr stimmt auch die Glocke der Andreasgemeinde erstmals in das Ökumenische Glockengeläut ein.
Mit dem Klang der Glocken sind wir dazu eingeladen, in dieser Zeit eine Kerze, ein Licht der Hoffnung, anzuzünden, ans Fenster zu stellen und innezuhalten. Jeden Abend. Da, wo wir jeweils gerade sind. Miteinander verbunden im Bitten und Beten für uns, für andere und für die Welt. Ein hörbares und sichtbares Zeichen. Ein Raum von Klang und Licht, in den hinein wir aussprechen, was immer uns bewegt: Dank, Sehnsucht, Zukunftsangst, Erschöpfung, Unbehagen, Freude. Die Kraft des Gebetes verändert die Welt und uns selbst. „Wenn ich dich anrufe, Gott, so hörst du mich, und gibst meiner Seele große Kraft“ (Psalm 138, 3).

Sonntagsgruß

Sonntagsgruß zum Sonntag Lätare 22. März 2020

Liebe Gemeinde, liebe Leserinnen und Leser,

Lätare! Freue dich!“,

so heißt der heutige Sonntag, mit dem eine neue Woche beginnt. Eine neue Woche im Ausnahmezustand, die wieder neue Nachrichten und Herausforderungen mit sich bringen wird. Und ich soll mich freuen?

Gleichzeitig spüre ich an mir selbst: Freude tut gut. Gibt Kraft, das Nötige zu tun. Hält die Ängste im Zaum. Schenkt Zuversicht in aller Unsicherheit.

Freue dich!“

Der Name dieses Sonntags geht zurück auf Worte aus dem Jesajabuch. Dort heißt es:

Freut euch mit Jerusalem und jauchzt alle, die ihr sie liebt!
Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr um sie trauert!

Wie eine Mutter tröstet, so will ich euch trösten, und an Jerusalem sollt ihr getröstet sein.
Ihr werdet es sehen und euer Herz wird sich freuen, und eure Knochen sollen sprossen wie junges Gras.“
(Jesaja 66, 10.13.14, Bibel in gerechter Sprache)

Freuet euch und jauchzt!“. Mit dem Sonntag Lätare sind wir in der Mitte der Passionszeit angekommen und dieser Sonntag setzt einen Kontrapunkt. Er wird deshalb auch „Kleine Ostern“ genannt. Mitten in der Passionszeit, mitten in der Zeit, die wir gerade durchleben, hat er einen fröhlichen und tröstlichen Charakter. Seine liturgische Farbe ist Rosa. Ungewöhnlich und einleuchtend.

Die Sonntage in der Passionszeit haben die Farbe Lila. Ostern hat die Farbe Weiß. Mischen wir etwas Weiß in das dunkle Violett wird es rosa. Wie ein kleines Licht, das die größte Finsternis hell macht.

Ja, wir haben Angst.
Ja, es ist eine schwere Zeit und wir wissen nicht, wie lange sie anhält.
Und: Gott ist für uns da und tröstet, wie eine Mutter tröstet.
Das schenkt Kraft, Liebe und Besonnenheit. Jeden neuen Tag.

Das Licht von Ostern leuchtet uns entgegen.
In die Freude darüber lädt uns dieser Sonntag ein.

Ich wünsche Ihnen und Euch allen eine behütete und gesegnete Woche,
im Abstand halten, verbunden bleiben und füreinander da sein.

Ihre/Eure Pfarrerin Karin Böhmer

Wie eine Mutter tröstet

Gebet mit Bezug zu Jesaja 66,13 (Gott sagt: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“) 19. März 2020

Lass dir erzählen, Gott, wie es uns geht.
In diesen Tagen.
Wo alles so anders ist.
So durcheinander.
Wo die Sonne lacht
und wir die Freude vergessen.
Wo die Natur neues Leben hervorbringt
und wir in Ängsten sind.

Tröste uns, wie eine Mutter tröstet.

Lass dir erzählen, Gott, wie es deinen Menschen geht.
Den Alten in den Pflegeheimen,
die wir nicht mehr besuchen dürfen wie sonst.
Und den Kranken,
die meist ohne ihre Lieben in den Krankenhäusern sind.
Allen Menschen, die in ihren Wohnungen bleiben müssen
und die Einsamkeit fürchten.

Tröste sie, wie eine Mutter tröstet.

Lass dir erzählen, Gott, wie es deinen Menschen geht.
Den Kindern, die die Sorge der Erwachsenen spüren.
Den Jugendlichen, für die Ruhe halten so schwer ist.
Den Eltern, die jetzt so viele Lösungen finden müssen.
Allen Menschen, die um ihre Existenz fürchten.

Tröste sie, wie eine Mutter tröstet.

Lass dir erzählen, Gott, wie es deinen Menschen geht.
Den Menschen, die sowieso schon am Ende ihrer Kräfte sind.
In den Flüchtlingslagern in Griechenland und anderswo.
In den griechisch-türkischen Grenzgebieten.
Und lass dir erzählen von den vielen Menschen,
dort und hier,
die helfen und nicht müde werden.

Tröste sie, wie eine Mutter tröstet.

Gott, schütte sanft deinen Trost über uns aus.
Der uns umhüllt.
Und Segen dazu.
Der uns immun macht
gegen die Panik.
Sage zu unserem ängstlichen Herzen:
Beruhige dich.“
Sprich zu unserer verzagten Seele:
Ja, die Gefahr ist da. Aber ich bin bei dir.“

Und noch dazu und allem zum Trotz:
Gib uns die Freude wieder.
An der Sonne.
An der aufbrechenden Natur.
An den Menschen, die wir lieben.
An dir, du Gott des Lebens.
Damit wir mutig durch diese Zeit gehen.

Doris Joachim, Referentin für Gottesdienst im Zentrum Verkündigung der EKHN
www.zentrum-verkuendigung.de
© Zentrum Verkündigung der EKHN

Predigt zum Reformationsjubiläumsjahr

Ansprache im Gottesdienst zum Reformationsfest 2016 = Beginn des Jubiläumsjahres

‚Eine neue Reformation – Leben und Wirken der Theologin Dorothee Sölle‘

Liebe Gemeinde!

Dorothee Sölle – wer war diese Frau und was können ihre Gedanken und Worte zu einer Reformation, zu einer Erneuerung der Kirche beitragen?
Es gibt einiges, was Dorothee Sölle mit dem Reformator von 1517, mit Martin Luther verbindet. Beide waren sehr leidenschaftlich fromme Menschen; beide waren sehr streitbar und dabei auch sehr mutig und unerschrocken. Beide hatten viele Anhänger und viele Feinde, wurden umjubelt, geliebt und bekämpft.
Beiden war die Sprache, vor allem die religiöse und die kirchliche Sprache, die sprachliche Verständlichmachung dessen, was die Bibel sagt, ein Herzensanliegen. Für Dorothee Sölle waren Theologie und Poesie, Literatur sich gegenseitig beflügelnde Freundinnen. D. Sölle hat selbst viele Gedichte geschrieben. In einem Gedicht über ihren Sohn Jakob benennt sie Martin Luther und verwendet ein bildhaftes Wort von ihm: Gott sei ein ’Backofen voll Liebe‘.
ist das nicht ein wunderschöner Ausdruck: Gott – ein ‚Backofen voll Liebe‘? Ein Ausdruck, der gut die 500 Jahre überleben konnte und noch heute verständlich ist.
Also: Dorothee Sölle, 1929 in Köln geboren, war Ev. Theologin und Schriftstellerin. Sie hat sich in Theologie habilitiert, bekam aber in Deutschland keinen Lehrstuhl, obwohl ihre Bücher sehr gelesen wurden, in viele Sprachen übersetzt wurden und ihre Vorträge die Kirchen und andere Räume immer überfüllt sein ließen. In den USA bekam sie einen Lehrstuhl für Theologie; 12 Jahre hat sie in New York gelebt und gelehrt. 1987 kehrte sie von dort zurück und lebte dann als freie Schriftstellerin in Hamburg. Sie hat 3 Kinder und mehrere Enkel, war in 2. Ehe mit dem ursprünglich katholischen, dann konvertierten Theologen Fulbert Steffenski verheiratet. 2003 ist D. Sölle auf einer Tagung, bei der sie Referentin war, 73jährig an einem Herzinfarkt gestorben.

Sprache – das soll nach dieser kleinen Einführung das 1. Thema sein; dann folgen Gedanken zu Glaube und Politik, nach einer kleinen musikalischen Pause sollen uns noch die Themen Sonntagsschutz und Sehnsucht beschäftigen. Ich denke, dass sind 4 Themen, die in unserer Zeit, 500 Jahre nach Luthers Thesenanschlag und 13 Jahre nach Sölles Tod, sehr aktuell sind und die in unseren Kirchen das Feuer und die Leidenschaft des reformatorischen Geistes wachhalten können.

Sprache – ich zitiere D. Sölle:

‚Unsere Sprache empfinde ich (oft) als zerstört, ja als korrumpiert. Wenn ein Wort wie ‚Liebe‘ aufs Auto oder ein Wort wie Reinheit aufs Waschmittel angewandt wird, dann haben diese Wörter überhaupt keine Sinn mehr. Solche Wörter sind bei uns beschädigt. Das gilt erst recht für die religiöse Sprache. ‚Jesus Christus ist unser Erlöser‘ das ist zerstörte, tote Sprache. Das versteht kein Mensch, es ist religiöses Geschwätz….
Ich will ein Gegenbeispiel erzählen. Meine Enkelin Johanna, 5 Jahre alt, kam aus dem Kindergarten und sagte. Mit dem Jesus, das war ganz schlimm, den haben sie totgemacht, mit Nägeln durch die Hand. Aber dann, da war Ostern, da ist der – hihi – wieder aufgestanden.
Für dieses fröhliche geprustete ‚hihi‘ kann ich einige Meter theologischer Literatur weggeben.

Dann schreibt D. Sölle weiter, dass sie sich für leeres Geschwätz in der Kirche, für ‚gequasselte, tote Sprache‘ schämt. Und dass sie immer auf der Suche bleibt nach lebendiger Sprache. Und die findet sie vor allem in biblischer Sprache, in deren lebendigem Ausdruck, und sie sagt:

Vor allem ohne die Psalmen möchte ich nicht leben. Und ohne den eigenen Psalm zu finden und wenn er auch nur so kurz ist, wie Johannas ‚hihi‘ erst recht nicht.
Es ist wichtig, dass Menschen sich ihre eigenen Schmerzen klarmachen und ihre je eigenen Fragen in größerer Tiefe artikulieren.

D. Sölle konnte viele Psalmen und Gedichte auswendig, die sie auch gerne vortrug bzw. mit anderen gesungen hat. Sie hat in Sprache gelebt – in geprägter, kunstvoll formulierter, und sie hat mit der Sprache gerungen, hat Formulierungen Sprachbilder gesucht und gefunden, die Menschen ins Herz trafen, die Phantasie anregten und in Bewegung setzen.

Glaube und politisches Engagement

Ganz anders als bei Luther, der das in seiner Zwei-Reiche-Lehre getrennt hat, gehören für D. Sölle Glaube, Frömmigkeit, Religiosität und politisches Handeln untrennbar zusammen.
‚Beten und Tun des Gerechten‘ hat es Dietrich Bonhoeffer formuliert und auch: ‚Wer fromme Liede singt, muss auch für die Juden schreien‘.
Die Welt als Ganze in den Blick nehmen und das aus der Perspektive derer, die an den Rand gedrängt werden, die Opfer der ungerechten Verteilung sind, der Hungernden, der Kriegsopfer, derer, die um ihr Leben zu retten, flüchten müssen – und das in der Nachfolge Jesu sehen und entsprechend handeln. Für Bonhoeffer und Sölle ist Jesus einer, der Partei nimmt, der die Ausgegrenzten, die Kranken, Armen, Leidenden nicht nur wahrnimmt, sondern sich mit ihnen solidarisiert, sie selig preist (wie wir es in den Seligpreisungen am Anfang gesprochen haben: die Armen, die Leidenden, die Verfolgten, die nach Gerechtigkeit Hungernden). Und er wird einer der Ihren bis hin zur Annahme der grausamen Todesstrafe für Verbrecher am Kreuz.
In der Nachfolge Jesus gilt es wie er für die Entrechteten einzutreten, sich für sie einzusetzen und mit ihnen von unten her das Reich Gottes mit aufzubauen. Denn Gott braucht uns für sein Werk:

Im Reden vom lieben Gott, der allmächtig ist und behütet und beschützt, vergessen wir…Gott hat keine anderen Hände als unsere,…Auch wir können Gott lieben, schützen, wärmen, dem es vielleicht auch manchmal kalt wird, wenn er diese Welt ansieht. Gott über alle Dinge lieben, das ist, was Mystik für ans alle sein kann.

Mystik war für Sölle auch ein großes Thema. Ein dickes Buch von ihr trägt den Titel: Mystik und Widerstand. Mystik ist ja eine besondere Gottessuche, eine Suche nach dem Eins werden mit dem Göttlichen, dem Ewigen, ist eine Hingabe an ein Staunen über die Schönheit Gottes, die immer wieder auch im Alltag aufblitzen kann, eine Selbstvergessenheit, die aber bei Sölle nie eine Weltvergessenheit ist, nie weltfremd, weltabgewandt ist. Es ist eine Gottesbedürftigkeit im doppelten Sinn: Eine Bedürftigkeit nach Gottes Nähe und ein Wissen, dass auch Gott bedürftig nach uns ist, dass Gott uns braucht, unser Tun des Gerechten, unseren Widerstand gegen alle Mächte und Strukturen, die menschenverachtend und darum gottlos, die leben- und weltzerstörend sind und auf zynische Weise wenige auf Kosten vieler sehr reich werden lassen.
In einem Vortrag zur Reformation hat D. Sölle 1968 gesagt:

Eine Kirche der Armut, eine Kirche des politischen Engagements – das ist ein Leitbild, das die konfessionellen Grenzen hinter sich lässt.

Ein kleines Beispiel dafür haben wir in unserer Gemeinde: Die Gruppe derjenigen, die den samstäglich stattfindenden Willkommenstreff für Geflüchtete Frauen und Kinder trägt und veranstaltet, ist gemischt aus Menschen unserer und anderer evangelischer Gemeinden, aus Katholikinnen und Menschen, die eher kirchenfern und auch aus der Kirche ausgetreten sind. Alle sind vereint im Engagement und tun dies gerne in Räumen und im Rahmen einer Kirchengemeinde.
So ist das politisch-soziale Engagement auch eine große Chance für die Kirchen, eine Chance für gemeinsames Handeln der Konfessionen, eine Chance, ja ein Reichtum, den die Kirchen Menschen auf der Suche nach einem sinngebenden Tun bieten können.

  • kleine Pause mit Orgelmusik (Improvisation zu ‚Sonne der Gerechtigkeit‘)

  • Pause zum Nach-Denken des Gehörten und auch zum Lesen des Glaubensbekenntnis‘
    das im Anschluss an die Ansprachen gemeinsam gesprochen werden wird.

Sonntagsschutz

Eine Aufgabe, die sich aus dem Zusammenhang von biblischem Zeugnis und gesellschaftspolitischem Handeln in besonderer Weise für die Kirchen heute stellt, ist der Schutz des Sonntags, der Schutz eines freien Tags in der Woche, der in unserer von christlicher Tradition geprägten Kultur der Sonntag ist, der Ruhetag Gottes, der Tag der Auferstehung Jesu.
Vielen weltlichen Mächten, der Wirtschaft, vor allem der neoliberalen Wirtschaft ist der Sonntag ein Dorn im Auge, ja ein Stachel im Fleisch: Ein Tag, wo das Geschäftsleben stillsteht, wo weniger Umsatz gemacht wird, wo Produktionsmaschinen abgestellt sind.
Gegen diese Mächte sich zu behaupten, braucht es vor allem den Widerstand der Kirchen, denn wir wissen, worum es geht, was das Heilsame an diesem uralten Gottesgebot ist:

‚Du sollst den Feiertag heiligen‘.

Für den Schutz des Sonntags und gegen alle Aushöhlung dieser segensreichen Tradition gibt es schon gutes Engagement, gerade auch hier in Darmstadt (im Verbund mit Gewerkschaften und anderen Gruppen und im gemeinschaftlichen Tun verschiedener Konfessionen)
Ich würde mir wünschen, dass dieses Thema gerade im Jubiläumsjahr 2017 ein ganz zentrales Thema wird. In diesem Jahr wird die Evangelische Kirche viel Aufmerksamkeit bekommen und wird gehört werden. Mit einem bloßen Lutherrummel, der zu solchen Absurditäten wie den Verkauf von Luthernudeln führt, vergibt die Kirche eine Riesenchance.
Einen der schönsten Texte zum Gebot der Sonntagsruhe hat D. Sölle geschrieben, ein Text, der nicht oft genug zitiert werden kann:

Das dritte gebot sagt mir

Du sollst dich selbst unterbrechen
zwischen arbeiten und konsumieren
soll stille sein und freude
zwischen aufräumen und vorbereiten
sollst du es in dir singen hören
gottes altes lied von den sechs tagen
und dem einen der anders ist

Zwischen wegschaffen und vorplanen
sollst du dich erinnern
an diesen ersten morgen
deinen und aller anfang
als die sonne aufging
ohne zweck
und du nicht berechnet wurdest
in der zeit die niemanden gehört
außer dem ewigen

Und nun noch das – wie ich finde – wichtigste Thema, eins, das mich persönlich ganz stark anspricht: die Sehnsucht

Es geht um die Sehnsucht nach dem Reich Gottes, nach dem, dass sich der Wille Gottes auf Erden durchsetzt, dass die Welt frei und erlöst wird vom Bösen – all das, worum wir im Vater unser bitten: die Sehnsucht nach einer Welt in Frieden, in bewahrter, heiler Schöpfung, in Gerechtigkeit für alle Menschen.
Wir Christen haben dieses Ziel, dieses Ausgerichtet sein unseres Denkens, Träumens und Handelns, diese Sehnsucht nach Shalom.
‚Ich kann ja doch nichts tun‘ und ‚es gibt keine Alternative‘ – solche Sätze sind für Dorothee Sölle Sünde, sind eine Trennung von Gott, indem ich die Sehnsucht verrate und mich in den Niederungen der Gottesferne, in menschunwürdigen Arbeitsprozessen einrichte und mich depressiv und resignativ mit Ungerechtigkeit und zerstörerischen Lebensstrukturen abfinde.
‚Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden‘ – diesen bewegenden Text haben wir vor der Predigt gehört – es ist noch nicht erschienen, aber wir sind dahin ausgerichtet und wir haben es im Blick und im Fokus unseres Handelns, was alles noch nicht gut ist und wozu Gott unsere Mitarbeit braucht. Und diese Mitarbeit ist ein Tun, das auch Pausen kennt, eine selbstvergessene Freude am Schönen, das Gott uns schenkt, am Spielerischen und Leichten, Freude an diesen Geschenken, die wir nicht den Mächten des Bösen überlassen wollen, sondern in deren Genießen wir Gott loben.
Dieses Ausgerichtet sein, dieses Eine-Richtung-haben auf ein wunderbares Ziel, das vereint uns Christen verschiedener Konfessionen. Vom Ziel her verlieren die Unterschiede ihre trennende, ausgrenzende Macht.
Das wünsche ich mit vom Reformationsjubiläumsjahr, das morgen beginnt und mit dem allgemeinen Feiertag am 31.10.2017 endet, dass diese Botschaft vom großen Ziel, vom großen jüdisch-christlich-biblischem Traum zu hören ist und dass für den Weg zu diesem Ziel alle Kräfte gebraucht werden, die nicht vergeudet werden sollen für theologische Haarspaltereien und Abgrenzungen.
Denn: Selig sind, die Hunger und Durst haben nach der Gerechtigkeit…
Selig sind, die wie Dorothee Sölle die Sehnsucht nach erfülltem Leben für alle wachhalten!

AMEN.

Nach katholischer Tradition wollen wir heute das Glaubensbekenntnis jetzt, nach der Ansprache, sprechen, und wir sprechen es mit Worten, die Dorothee Sölle formuliert hat:

Ich glaube an gott
der die welt nicht fertig geschaffen hat
wie ein ding das immer so bleiben muss
der nicht nach ewigen gesetzen regiert
die unabänderlich gelten
nicht nach natürlichen ordnungen
von armen und reichen
sachverständigen und uniformierten
herrschenden und ausgelieferten

ich glaube an gott
der den widerspruch des lebendigen will
und die veränderung aller zustände
durch unsere arbeit
durch unsere politik

Ich glaube an jesus christus
der recht hatte als er
„ein einzelner der nichts machen kann“
genau wie wir
an der veränderung aller zustände arbeitete
und darüber zugrunde ging
an ihm messend erkenne ich
wie unsere intelligenz verkrüppelt
unsere fantasie erstickt
unsere anstrengung vertan ist
weil wir nicht leben wie er lebte

Ich glaube an jesus christus
der aufersteht in unser leben
dass wir frei werden
von vorurteilen und anmaßung
von angst und hass
und seine revolution weitertreiben
auf sein reich hin

Ich glaube an den geist
der mit jesus in die welt gekommen ist
an die gemeinschaft aller völker
und unsere verantwortung für das
was aus unserer erde wird
ein tal voll jammer hunger und gewalt
oder die stadt gottes
ich glaube an den gerechten frieden
der herstellbar ist
an die möglichkeit eines sinnvollen lebens
für alle menschen
an die zukunft dieser welt gottes

amen.

Ev. Andreasgemeinde Darmstadt- Bessungen
Pfarrerin i.R. Andrea Bauer
30.11.2016

Gottesdienst am 25.1.15 in der Andreasgemeinde

Predigt: Mt 17, 1-9

Text von Frieder Haug

Zunächst möchte ich Matthäus in seine Zeit stellen, damit ich die Geschichte, die er aufschreibt verstehen kann.

Er ist Judenchrist, das kann man aus seinen kenntnisreichen Zitaten aus der Thora schließen. Er möchte das Leben und Wirken Jesu mit den Prophezeiungen dort verbinden.

Die Priesterschaft der Juden hatte es immer wieder mit selbsternannten Messiassen zu tun, die zum Aufstand gegen die Römer aufriefen, um das lange erwartete neue Davidische Großreich Israel herbeizuführen.

Sie selbst war überwiegend pharisäisch orientiert, d.h. sie wollte das Leben möglichst vollständig in Religionsgesetze fassen, um es dem römischen Zugriff zu entziehen. Mit der Verfolgung anderer Strömungen versuchte sie, das Unheil abzuwenden. Paulus hat als Saulus deshalb die Christen scharf verfolgt, bis er durch das Damaskuserlebnis bekehrt wurde. Sie musste dennoch erleben, wie Israel im Krieg gegen die Römer unterging und wie der Tempel in Jerusalem zerstört wurde. Titus führte die heiligen Gegenstände, z.B. die Menorah, den siebenarmigen Leuchter, und die besiegten Juden im Triumphzug durch Rom. Die Szene ist am Titusbogen in Rom dokumentiert.

Der Tempel als Zentrum des Judentums wurde jetzt ersetzt durch ausgefeilte Rechtsvorschriften. So erhielt das Judentum ein über die Jahrhunderte erfolgreich wirkendes Korsett, das sie in vielen Ländern weiter pflegten. In den Mehrheitsgesellschaften fielen sie dadurch als andersartig, fremd auf und wurden immer wieder verfolgt.

Das neu aufblühende Christentum, das sich aus dem Judentum entwickelte und durch Paulus auch für nichtjüdische Menschen offenstand, geriet in Konflikt und Konkurrenz zu den pharisäischen Priestern. In christlichen Gemeinden war die Frage: Wo gehören wir hin? Jesus war ja Jude.

Und hier steht dieser mystische Text von Matthäus über den Gang der Jesu mit den Jüngern auf den unbekannten Berg:

17 1Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. 2Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. 3Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. 4Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. 5Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören! 6Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr. 7Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht! 8Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein. 9Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.

Jesus begegnet hier auf dem Berg Moses und Elia: Moses, der Israel aus Ägypten herausgeführt hat und dem Volk Israel die 10 Gebote überbrachte, und Elia, dem großen Propheten. Und dann die Stimme, aus den Wolken, die Stimme Gottes, die hier mit den gleichen Worten wie im Markusevangelium bei der Taufe Jesu im Jordan Jesus legitimiert: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Jesus wird mit höchster Autorität in die jüdische Tradition gestellt: er ist der legitime Nachfolger von Moses und Elia.

Und die Juden haben diese christliche Interpretation der jüdischen Tradition nicht akzeptiert. Das ist der Ursprung einer konfliktgeladenen Geschichte

Ich war vor etwas mehr als einer Woche im Jüdischen Museum in Berlin. Das Ausstellungsgebäude von Daniel Libeskind und auch die Ausstellungsgestaltung sind sehr beeindruckend. Das wechselvolle Zusammenleben zwischen Christen und Juden durch die Jahrhunderte wird lebendig, auch durch Filme der TU Darmstadt, die einen plastischen Eindruck des mittelalterlichen Lebens der Juden vermitteln. Bilder und Texte aus der Blütezeit des Judentums hier in der Nähe, in Mainz, Speyer und Worms haben mich an meine Wormser Zeit erinnert, an das Raschi-Haus dort. Rabbi Salomon Ben Isaak, genannt Raschi. Bis heute ist der Talmudkommentator und Gelehrte in der jüdischen Welt hoch geschätzt. Um 1060 studierte er im damals in ganz Europa bekannten Lehrhaus in Worms. Er war ein Licht im sonst eher dunklen Mittelalter.

Beeindruckt haben mich auch die Darstellung des Lebens der Juden in Deutschland um die Jahrhundertwende (1900) und ihr Beitrag zu Wissenschaft und Kultur. Wo wären wir, wenn all das nicht mit der Machtergreifung Hitlers zu Ende gegangen wäre. Deutschland hat den Juden sehr viel zu verdanken.

Aber: Die Juden waren in der christlichen Mehrheitsgesellschaft immer wieder Verfolgungen ausgesetzt.

Die Kreuzzügler sammelten Geld bei den Juden ein und brachten in ihrer Verblendung bei ihrem Zug am Rhein entlang viele Juden um. Als die Pest Europa heimsuchte, waren wieder die Juden die Schuldigen. Auch Martin Luther rief nach anfänglicher Hoffnung auf ihre Konvertierung zum Christentum zu ihrer Drangsalierung auf. Der Hofprediger in Berlin, Stoecker, gründete Ende des 19. Jahrhunderts eine antisemitische Partei Die Evangelische Kirche hatte durchaus ihren Anteil an der Entwicklung des Antisemitismus und stellt sich dieser geschichtlichen Verantwortung auch.

Und so kam es schließlich zum Holocaust.

Wir gedenken am kommenden Dienstag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Eine schwierige Geschichte, die in der Konfliktsituation zwischen Judenchristen und Juden im ersten Jahrhundert beginnt. Hier bei Mt. Auf dem Berg Horeb. Jesus ist Jude; das Christentum steht in dieser Sukzession, unser Predigttext ist aber schon im Konflikt geschrieben. In diese Tradition gehören wir.

Bis heute. Der Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde in Darmstadt, Daniel Neumann beklagt, dass der große Aufschrei ausbleibt, wenn jüdische Mitbürger z.B. in Frankreich bei Attentaten ums Leben kommen. (Alle waren Charly, der Überfall auf das jüdische Geschäft geriet in den Hintergrund). In Darmstadt muss die Synagoge von der Polizei geschützt werden. Das Mahnmal am Güterbahnhof entworfen von der kürzlich verstorbenen Ritula Fränkel und Nicholas Morris wurde zweimal mit Vorschlaghämmern attackiert. Als ich noch an der Erasmus-Kittler-Schule unterrichtete bin ich jedes Jahr um den 9. November herum mit Schulklassen dorthin gegangen. Die Zerstörung war wahrscheinlich das Werk fehlgeleiteter junger Männer.

Ob sie der rechtsextremen Szene angehörten ist wahrscheinlich. Daniel Neumann sieht aber wie in Frankreich auch hier den Islamismus als Gefahr. Das ist eine Frage, die wir durchaus auch ernst nehmen müssen.

Heute könnte man auch darüber nachdenken, dass die Tradition ja fortgesetzt wurde von Mohammed und dem Islam. Mit den gleichen Problemen: die älteren Religionen sind überholt. Wir sind die richtige Weiterführung des Willens Gottes. Wer anders denkt, der muss eliminiert werden. Einige Suren im Koran deuten in diese Richtung. Junge Männer ohne andere Perspektiven lassen sich durch diese Botschaft leicht zu sogenannten Märtyrern des Dschihad, ihres sogenannten heiligen Krieges, machen. Der Islamische Staat beruft sich darauf und verhält sich so wie früher die Kirche gegenüber anderen Religionen. Wir können hoffen, dass die Mehrheit der Moslems weiter ist und die Stellen im Koran betont, die von der geschwisterlichen Verbindung der drei Schriftreligionen handeln. Im Koran ist sogar die Rede davon, dass Christen und Juden auch einen Platz im islamischen Himmel finden.

Hier aber bleiben wir bei uns selbst. Die Kirchen sehen auch diese Perikope bei Matthäus nicht mehr als Machtanspruch gegenüber den Juden.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat in einer Erklärung im Jahr 1950 klargestellt:

Wir glauben, dass Gottes Verheißung über dem von ihm erwählten Volk Israel auch nach der Kreuzigung Jesu Christi in Kraft geblieben ist….Wir bitten alle Christen, sich von jedem Antisemitismus loszusagen und ihm, wo er sich neu regt, mit Ernst zu widerstehen und den Juden und Judenchristen in brüderlichem Geist zu begegnen“.

Wir sind auf der richtigen Spur. Wir bekennen: Für uns hat Jesus die Verheißung des Alten Testaments erfüllt: Das Reich Gottes ist in ihm angebrochen. Aber die Juden, auch wenn sie dem nicht zustimmen können sind weiterhin in einer besonderen Beziehung zu Gott. Wir können nebeneinander in vielem zusammenarbeiten ohne die Unterschiede zu verwischen. Brüderlich und schwesterlich. Es steht nicht an uns zu richten. Richter ist Gott, und Gott ist barmherzig, wie uns Jesus gezeigt hat.

 

Die Geschichte von der Schnecke und dem Segen

Evangelische Andreasgemeinde Darmstadt

Predigt im Familiengottesdienst zum Sommerfest „Glück&Segen“ am 13. Juni 2014

Pfarrerin Karin Böhmer

 

Liebe Gemeinde,

Wir haben heute einen besonderen Gast hier!

Wo wohl diese wunderbare Schnecke herkommt?

Aus dem Kinderhaus…

Sie sieht ausgesprochen glücklich und zufrieden aus….

Ich habe sie gefragt, warum und sie hat es mir erzählt.

Wollt ihr es hören?

Die Geschichte von der Schnecke und dem Segen

Neulich hatte die Schnecke mal Lust, die Gegend rund um das Kinderhaus zu erkunden.

Und zieht im Schneckentempo los …. Riecht die frische Luft… sieht die Gräser und Blumen …mmhhh…lecker…

Auf einmal sieht sie etwas auf dem Boden, so einen runden Aufkleber und da steht drauf: „Du bist ein Segen“

Ich soll ein Segen sein?“ wundert sie sich. Das will ich doch gleich mal weitererzählen.

Sie kriecht zum nächsten Beet und trifft einen Regenwurm:

Schau mal, hier steht ich bin ein Segen!“, sagt die Schnecke freudig.

Du, ein Segen? Das kann nicht sein. Segen ist doch etwas Gutes. Was bewirkst du denn schon Gutes? Alle ärgern sich über dich im Frühling, weil du die jungen grünen Triebe wegfrisst und nie satt wirst“… Ich, der Regenwurm, ich bin ein Segen! Ich lockere die Erde, so dass alles gut wachsen und gedeihen kann“

Die Schnecke senkt den Kopf und kriecht weiter. „Das war ja klar. So ein Blödsinn. Ich und ein Segen. Wer hat sich das denn ausgedacht.“ Aber so ganz aufgeben will sie noch nicht…Da trifft sie den Hund und zeigt ihm den Aufkleber.

Schau mal, was hier steht, ich bin ein Segen. Toll, oder?“

Du? Ein Segen? Ein Segen sein bedeutet doch, dass du für andere wichtig und besonders bist und sie sich freuen, dass du da bist. Aber du, du bist so un-glaub-lich langsam. Mit dir kann man ja noch nicht mal spazieren gehen. Ne ne. Ich bin ein Segen. Ich bringe die Menschen dazu, sich wenigstens ab und zu mal zu bewegen. Außerdem können sie mich streicheln. Das will bei dir echt niemand, so schleimig wie du bist“.

Jetzt ist die Schnecke echt bedient. Eine Träne läuft ihr übers Gesicht und schwupp – zieht sie sich in ihr Schneckenhaus zurück. „Hier bleib ich jetzt für immer“, schnieft sie. „Mich mag eh niemand“.

Plötzlich horcht sie auf.

Da ist ein Kind und ruft „Schaut mal, was für ein wunderschönes Schneckenhaus!“ Plötzlich merkt die Schnecke, wie eine Hand sie vorsichtig berührt und ihr Haus ein wenig dreht.

Eine erwachsene Stimme sagt: „Das ist nicht nur ein Schneckenhaus – da wohnt noch eine Schnecke drin, also lass sie am besten da wo sie ist“.

Ok, aber wir bleiben noch ein bisschen – vielleicht kommt die Schnecke ja mal aus ihrem Haus…“.

Ja, gerne. Ich setz mich solange hier auf die Bank“.

O guck mal, hier ist liegt was neben der Schnecke“, ruft das Kind, „liest du mal vor?“

Du bist ein Segen, steht hier“.

Was ist das, Segen?“ , fragt das Kind.

Was du immer alles wissen willst. Lass mich mal überlegen…also: Segen ist für mich eine gute Kraft. Sie wird uns geschenkt. Von Gott. Gott sagt: ich bin bei dir und mit dir. Gottes Segen begleitet uns jeden Tag und jede Nacht immer und überall.“

Mich auch?“

Ja klar“

Aber wenn die Kraft von Gott kommt, warum bin ich dann ein Segen?“, wundert sich das Kind.

Na ja – im Segen schenkt Gott uns ganz viel Liebe und sagt: wie schön, dass es dich gibt.“

Ich bin ein Segen, weil Gott mich liebhat?“

Ja genau“.

Hmmh“. Das Kind denkt nach „Kann ich denn auch für dich ein Segen sein?“

Das bist du jeden Tag– ich freu mich, dass Du auf der Welt bist!“

Und sag mal“

Ja?“ „Da auf dem Aufkleber sind so Regentropfen – oben und unten – was bedeutet das denn?“ , will das Kind noch wissen.

Das ist ne gute Frage….vielleicht heißt das: wie der Regen vom Himmel kommt, so kommt Gottes Segen zu uns und durch uns fließt er dann weiter zu anderen Menschen“.

wie das denn?“

ich glaube, einfach dadurch, dass wir anderen Menschen etwas Gutes tun und ihnen damit zeigen: schön, dass du da bist!“

Hm. Dann ist das wie… hm… ich ess´ doch so gern Kirschen…. Dann ist das wie eine riesen Schüssel leckere rote Kirschen, die ich bekomme und anderen davon abgebe, damit sie auch schmecken, wie lecker Kirschen sind?“

Ja, so lässt sich das auch beschreiben. In der Bibel heißt das glaube ich: Du bist von Gott gesegnet und wirst ein Segen sein“.

Uhund….“

Na, was denn noch?“

Das Kind schaut auf die Schnecke: „Können Schnecken auch ein Segen sein?“

Ich finde schon! Die Schnecke erinnert uns nämlich an Gottes Segen“

Wie das denn?“

Schau mal, die Schnecke hat ihr Haus immer dabei. Das umgibt und beschützt sie. Und so ist das auch mit Gottes Segen – der Segen ist immer bei uns, so wie das Schneckenhaus bei der Schnecke“

Dann ist die Schnecke ein Segen, weil sie uns auf ihre Art zeigt, wie das mit Gottes Segen ist“, sagt das Kind.

Genau“

Da schau mal“, ruft plötzlich das Kind aufgeregt, „die Schnecke kommt aus ihrem Haus!“

Die Schnecke hat diesem Gespräch mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Und staunt. Und freut sich. (jetzt wisst ihr auch, warum sie so glücklich ist!). Mit stolzgeschwellter Brust kriecht sie los. Langsam, damit alle sie sehen. Denn sie weiß jetzt: sie hat eine wichtige Aufgabe: alle Menschen, groß und klein, daran zu erinnern, dass Gott sagt: Ich bin bei dir. Du bist ein Segen. Und du wirst ein Segen sein.

Amen.

Predigt zur Verabschiedung von Andrea Bauer

Predigttext vom 26.1.2014, Verabschiedungsgottesdienst Andrea Bauer

Gnade und Friede von Gott…

Liebe Gemeinde!

Da gedachte Gott an Noah – so der grandiose Anfang des Textes, den wir als Lesung hörten und der auch meiner Predigt zugrunde liegen soll.
Da gedachte Gott an Noah – das ist, so finde ich, einer der Sätze, um die wir, denen die Bibel wertvoll ist, zu beneiden sind, einer der Sätze, die bei der Predigtvorbereitung zu entdecken, für mich ein Glücksgefühl auslöst.
Da gedachte Gott an Noah – was für eine einfache und doch so poetische Beschreibung der Beziehung Gottes zu uns Menschen
Da gedachte – gedacht haben werden zumindest meine Pfarrkollegen und Kolleginnen und andere Perikopen kundige Menschen: Da ist Andrea Bauer, ich ergänze ganz uneitel: ‚wieder mal‘ ihrer Zeit voraus. Das ist doch der Predigttext vom nächsten Sonntag. Das stimmt: Ich hatte mich verguckt. Im Sommer 2013, als der Termin für diese Verabschiedung festgesetzt wurde, hatte ich gleich nachgesehen, worüber ich dann wohl predigen werde, und nach meiner Rechnung war der 26.1. der 4. So nach Epiphanias – und ich war sehr glücklich mit diesem Text. Als dann im Herbst der Pfarrerkalender kam, musste ich feststellen, dass heute erst der 3. Epiphanias-Sonntag ist. Aber da ich mich so in diesen Text verguckt hatte, wollte ich nicht mehr tauschen. Und Pröpstin Karin Held gab mir dann auch das kirchenleitende Ok, diesen Text zu nehmen. Er passt einfach zu gut zu dem Anlass heute, (und sei es wegen der Enge!) und ich kann etliche Bezüge zu mir und meinem Berufsleben herstellen, was ich mich dann auch nicht scheue zu tun.
Da gedachte Gott an Noah
5 Worte, über die es sich zu meditieren lohnte. Eigentlich sollten wir hier 20 Minuten schweigen, so dass jede und jeder die Worte im eigenen Herzen bewegen könnte.
Aber mir wurde so vieles im Zusammenhang mit diesem Text eingegeben, was ich weitergeben möchte.
Da gedachte Gott an Noah
Einige Kapitel weiter im 1. Buch Mose heißt es: Da gedachte Gott an Rahel und erhörte ihr Gebet und ließ sie ein Kind empfangen, austragen und gebären. Und viele, viele Kapitel weiter könnte in einer Biographie stehen:
Da gedachte Gott an Andrea Bauer und ließ sie in einer Familie mit sehr liebevollen Eltern und 4 älteren, lebhaften und intelligenten Geschwistern aufwachsen, ließ sie einen Beruf finden, der zwar immer wieder auch viele Arbeit, bisweilen auch Mühsal bedeutet, insgesamt aber ungeheuren Reichtum und Vielfalt beschert – an Begegnungen, an Arbeitsformen, an Möglichkeiten.
Da gedachte Gott an Noah
d.h. Gott, Mutter und Vater von allen Menschen und Geschöpfen, gedenkt zu bestimmten Zeiten an bestimmte Menschen, aber er gedenkt an sie nicht an einzelne, isolierte Personen, sondern er gedenkt systemisch; er gedenkt an Noah mit seiner Familie, seiner Frau, den drei Söhnen Sem, Ham und Japhet und deren Frauen. Von den Frauen sind die Namen nicht überliefert – ein Unrecht, das zum Glück nicht die ganze Bibel durchzieht: Von vielen, gerade von starken Frauen wissen wir die Namen. (Diese Frauen, aber auch die namenlosen zu entdecken mit Hilfe der feministischen Theologie, bedeutete für mich ein beflügelndes Ja zum Pfarrerinnensein). Ein Unrecht aber, das bin zum heutigen Tag besteht und sei es darin, dass weibliche Sprachformen nicht genannt werden, weil sie ja angeblich immer mitgedacht werden.
Und zum systemischen An-gedenken gehören auch die Tiere, die gesamte Artenvielfalt der Tiere. Das ist das Lebensbild dieser Geschichte, von dem wir uns gerade in vielen Teilen immer weiter verabschieden – mit dem gedankenlosen Aussterben lassen von Tierarten, mit dem Ausbeuten der Tiere als medizinische Versuchsobjekte, als Lieferanten von Pelzen und vor allem Fleisch, was der gerade erschienene Fleischatlas wieder so erschreckend verdeutlicht hat.
Systemisch gedenkt Gott auch an mich; er schenkte mir eine Familie mit den beiden Söhnen, zu denen dann die Schwiegertöchter und die 4 wunderbaren Enkel kamen; er schenkte mir Freundinnen und Freunde, liebenswerte und interessante Gemeindemitglieder, kompetente und zuverlässige Mitarbeitende und dann noch die neue späte große Liebe.

428 Tage hat Noah insgesamt mit seiner Familie und mit all den Tieren in der Arche verbracht, in diesem Kasten, den er im Auftrag Gottes gebaut hatte: Ein geschützter Raum, in dem bei allem Chaos draußen, bei allem Toben der Elemente, bei aller Zerstörung Leben bewahrt wurde.
Geschützte Räume, in denen ein besonderes Leben möglich ist – dazu fallen mir 5 Räume ein, die es für mich –
in etwa vergleichbar mit der Arche – hier in der Gemeinde gab:

  • Der Kirchsaal,
  • das Kinderhaus,
  • das Louise-Dittmar-Haus,
  • mein Platz an meinem Küchentisch und
  • die Friedhöfe und Trauerhallen.
  1. Ich beginne mit den letzten, weil das vermutlich erklärungsbedürftig ist. Orte, an denen es um Tod, Sterben, Abschied, Tränen und Trauer geht als Lebensorte? Orte, an denen es gilt, vom Leben zu reden:
    Von der Würdigung des Lebens, das da zu Ende gegangen ist und von dem Leben, das stärker ist als der Tod, für das der Tod ein Verwandlungsort ist. Da haben wir Pfarrerinnen und Pfarrer etwas zu sagen – und ich konnte oft spüren, dass das, was ich zu sagen hatte, bei den Menschen ankam und zumindest eine kleine Ermutigung zum Leben war.
  2. Mein Platz am Küchentisch, von dem ich den Überblick über den Eingang zum Kinderhaus mit den Müttern und Vätern, die ihre Kinder bringen und abholen, hatte.
    Das – leider meist grußlose – Begegnen von Kulturen hat mich u.a dazu angeregt, die Interkulturelle Tischgesellschaft zu initiieren: ich wollte die verschiedenen Kulturen in Kindergarten und Gemeinde an einen Tisch bringen.
    Dann war da der Baum vor dem Fenster, auf den Kinder so gerne klettern, und der für eine Vielfalt von Vögeln Futter-Ausruh-, und Singplatz war. Und es war der Platz, an dem ich sonntagsmorgens zwischen 6.30 Uhr und ca. 8 Uhr meine Predigten geschrieben habe – ein geheiligter Zeit-Raum, voll Konzentration für das Aufschreiben und Formatieren dessen, was ich schon in den Tagen davor ausgebrütet hatte, was mir eingegeben worden war, zum Teil über Nacht.
  3. Das Kinderhaus: Welch ein Glück, ein großes Haus mit 100 Kindern zu haben, kompetent geführt mit liebevollen, engagierten Erzieherinnen. Und welch ein Glück, dort immer so freudig begrüßt zu werden! Dass ich bei zwei Jungen zur Frau des Lieben Gottes erklärt wurde, war wie eine ‚Krönung‘.
  4. Das Altenheim – und da möchte ich Werbung machen, dafür, dass man dort kostbare Erfahrungen machen kann in den Begegnungen mit den hochbetagten Menschen. Die Lebenserfahrungen, die Dankbarkeit und – das ist das Schönste – das Lächeln von alten Menschen. Das, dazu die Aufmerksamkeit bei den Gottesdiensten, hat bei mir alles aufgewogen, was es auch an schwierigen Erfahrungen dort gibt.
  5. Der Kirchsaal, der mich hierher gezogen hat und in dem ich so viel Gutes, Schönes und Inspirierendes erleben durfte in den unterschiedlichsten Gottesdiensten, den Festen und Feiern, gemeindlich und privat, den Ausstellungen, den Konzerten, dem Tanzen, der Stille, den Tischgesellschaften, den Vorträgen, dem Bibliodrama, den Lesungen bis hin zum Kabarett.

Da gedachte Gott an Noah
Und er sagte sich: Jetzt reicht‘s. Er stoppte den Regen, verschloss die Luken des Himmels, die Quellen auf der Erde, all das, wodurch das äußere Chaos auf die Erde gekommen war. Und er ließ einen frischen Wind wehen, um die Erde abtrocknen zu lassen. Da ist ein pfingstlicher Anklang in der alten Geschichte.
Im letzten Vers unseres Textes heißt es: Da wusste Noah, dass die Sintflut beendet ist und dass sie die Arche verlassen konnten.
Er hatte gehört, dass der Regen aufgehört hat, dass ein Wind wehte; er hatte gespürt, dass die Arche auf einem Berg aufgesetzt ist. Vom Ende der Sintflut w u s s t e er aber erst, als er das Wissen, die Erfahrungen und den Instinkt der Tiere, der Vögel genutzt hat. Zuerst ließ er einen Raben fliegen, der ja bekanntlich ein sehr kluges Tier ist. Die Klugheit nutzte dem Noah aber nichts, weil der Rabe auch so viel Ausdauer hatte, dass er einfach immer weiter flog, bis die Erde getrocknet war, und er nicht zu Noah zurückkehrte – er war eben doch ein Rabenvater. Aber Frau Rabe muss ihren Mann gefunden haben, denn die Art hat überlebt: Elia wird von 2 Raben ernährt, und im Lukasevangelium weist Jesus nicht auf die Vögel unter dem Himmel als Vorbilder in der Sorglosigkeit hin, sondern auf die Raben unter dem Himmel.
Dann ließ Noah eine Taube fliegen – doch noch war die Erde mit Wasser bedeckt; die Taube kam zurück.
‚Da tat Noah seine Hand heraus und nahm die Taube zu sich in die Arche‘ – wieder eine so schöne Sprache, die diese fast zärtliche, vertrauensvolle Beziehung zwischen Noah und der Taube beschreibt.
‚Da tat er seine Hand heraus‘ und holte sie zurück in die Geborgenheit der Arche.
Heute sind hier ja etliche Bibliodramakundige Menschen und solche, die es gewohnt sind, dass man/frau sich im Gottesdiensten der Andreasgemeinde bewegen muss – und so möchte ich einladen, diese schöne Geste nachzumachen: Da tat Noah seine Hand heraus und holte die Taube zu sich in die Arche‘.
Dazu fällt mir das Gedicht von Hilde Domin ein:
‚Nicht müde werden,
sondern dem Wunder
wie einem Vogel die Hand hinhalten.‘

Nach 7 Tagen – die Bibel ist ja voller Zahlensymbolik, die ich so liebe, lässt Noah die Taube ein 2. Mal fliegen. Und siehe da, die Taube kommt mit einem Ölbaumzweig im Schnabel zurück. Nach jüdischer Deutung stammt dieser Zweig von einem Ölbaum in Paradies. Die Taube mit dem Ölbaumzweig ist zu dem am häufigsten gemalten, gezeichneten, abgebildeten biblischen Symbol geworden, ein Symbol für Hoffnung, für Sehnsucht nach dem Paradies, für Beendigung alles Chaos, aller Zerstörung, für Frieden und Neuanfang.
Im Jahr 1983 bin ich in der Wormser Matthäusgemeinde ordiniert worden; in diesem Jahr hieß die Jahreslosung: Selig sind, die Frieden stiften, denn sie sollen Gottes Kinder heißen. Auf den Einladungskarten zur Ordination war eine Taube mit dem Ölzweig.
Nach weiteren 7 Tagen – in einer Woche kann ja viel geschehen – ließ Noah die Taube zum 3. Mal fliegen, und sie kehrt nicht zurück, sie hat Nist-, Ruhe- und Nahrungsplatz gefunden.
Da w u s s t e Noah, und er wusste es durch das Verhalten der Tiere, dass die Sintflut beendet war. Er folgt der Anweisung Gottes und öffnet alle Luken, alle Türen und Fenster, und alle Tiere fliegen, kriechen, springen heraus, suchen sich neue Orte zum Weiterleben. Bei dieser Vorstellung wird bei mir eine große Sehnsucht wach: dass die Menschen, die heutzutage auf der Flucht vor Hunger, Krieg, Folter, Ungerechtigkeit sind, Archen zur Bewahrung ihres Lebens finden sollten, und dass sie dann auch aus den sie schützenden Archen heraustreten können und sichere Orte für ihr Weiterleben finden, Orte, für die Gott wie damals auch heute verheißt:
So lange die Erde steht, soll nicht aufhören,
Saat und Ernte, Frost und Hitze,
Sommer und Winter, Tag und Nacht.
Eine Verheißung, die heute auch für die Andreasgemeinde gilt: Da soll es weitergehen mit Saat und Ernte, mit Sommer und Winter, mit Tag und Nacht. Es wird anders weitergehen, aber es geht gut weiter – in den Rhythmen der Zeit mit neuer Saat, mit neuer Ernte, mit neuen Tagen und Nächten, neuen Osternächten und Ostermorgen, Morgen- und Abendgottesdiensten.

Da gedachte Gott an Noah
und das nächste Kapitel beginnt mit den fast noch schöneren Worten: Da segnete Gott Noah. Und für diesen Segen des Neuanfangs gibt es ein Zeichen, den Regenbogen.
Als ich vor 17 Jahren von Worms hier nach Darmstadt umgezogen bin und in meinem Auto hinter dem Umzugswagen herfuhr, gab es auf der B 47 zwischen Worms und Bensheim einen wunderbaren Regenbogen. Das war so ein verheißungsvolles Zeichen. Diese Verheißung hat sich erfüllt in einer bunten, farbengefüllten Zeit. Und heute erbitten wir alle Gottes Segen mit dem Zeichen der Farben des Regenbogens für die kommende Zeit für die Gemeinde, für alle Menschen, die hier ehren-neben- und hauptamtlich arbeiten, für alle, die sich mit der Gemeinde verbunden wissen – und auch für mich, die ich in so besonderer Weise heute dankbar sein kann.
Gott an Noah und an die, die zu ihm gehörten, die Menschen und die Tiere.
Da gedachte Gott an Karin Pöpel, Aaron Bauer, Heidemarie Langer, Alphonse Saraoua, Anastazja Hein und wie Sie alle hier heißen…
Was dieser so großartige Satz in Übertragung für jede und jeden Einzelnen von Euch und Ihnen bedeuten kann, dafür lohnt es sich – und das ist meine letzte Empfehlung, die ich als Gemeindepfarrerin hier weiter gebe – nachzusinnen, sich Zeit zu nehmen, die Worte im Herzen zu bewegen.
Auch über solche Fragen wie: ‚Wo bin ich bewahrt worden?‘, ‚Wo gab/gibt es besondere geschützte Räume für mich?, ‚ Wo ist es auch dran, in neue Räume/Orte zu springen?‘
Und ich gehe davon aus, zumindest wünsche ich das allen, dass jeder und jede spüren kann: Gott gedenkt meiner. Und diesen Gott kann ich täglich neu um den Segen bitten für mich und mein ‚System‘, in dem ich lebe, das mich trägt und für das ich mit Verantwortung trage.
AMEN.
Und der Frieden Gottes…

Lied: Vertraut den neuen Wegen…